Lucerne Festival am Piano: Rezital 3 Lise de la Salle, 25. 11. 2015, besucht von Léonard Wüst

Das KKL in Luzern bei Nacht

Das KKL in Luzern bei Nacht

Programm:

Johannes Brahms (1833-1897)
Variationen d-Moll op. 18b (Klavierfassung des Variationssatzes aus dem Streichsextett op. 18)

Maurice Ravel (1875-1937)
Gaspard de la nuit

Claude Debussy (1862-1918)
Les sons et les parfums tournent dans l’air du soir aus Préludes pour Piano, 1er livre
Les fées sont d’exquises danseuses aus Préludes pour Piano, 2ième livre
La fille aux cheveux de lin aus Préludes pour Piano, 1er livre
La danse de Puck aus Préludes pour Piano, 1er livre
Danseuses de Delphes aus Préludes pour Piano, 1er livre
Ce qu’a vu le vent d’ouest aus Préludes pour Piano, 1er livre

Johannes Brahms (1833-1897)
Variationen und Fuge über ein Thema von Händel B-Dur op. 24

Rezension:

Trotz ihres immer noch jugendlichen Alters (*1988) ist die französische Pianistin schon fast Stammgast am Lucerne Festival, nahm sie doch nach 2008, 2011 und 2013 bereits für ihr viertes Rezital am Flügel im grossen Konzertsaal des KKL Platz. Ungewöhnliche Konzertprogrammierung mit eher bodenständig bedächtigem Brahms über die quirlig expressiven Ravel und Debussy zurück zu Brahms. Aber ungewöhnlich ist bei der, in eine Künstlerfamilie hinein geborenen Lise da la Salle so vieles, wie auch ihr folgendes Zitat belegt: „Ich möchte die Zuhörer vergessen lassen, dass das Klavier ein perkussives Instrument ist. Ich will damit singen“, Anfänglich löste sie bei Brahms Variationen, vom Komponisten seiner verehrten Clara Schumann zu deren 41sten Geburtstag gewidmet, die Harmonien ruhig filigran in ihre Bestandteile auf, trat dem aber in der Folge mit energischem Zugriff sofort wieder entgegen, um zurückzukommen und anzudeuten, dass es halt doch die Klavierfassung des zweiten Satzes aus einem Streichersextett ist. Mit verblüffend wenigen Tempovariationen beendete sie den ersten Part fast gemächlich und nahm den folgenden grossen Applaus eher kühl gelassen entgegen. Einer Lise de la Salle jubelt man halt nicht zu, man huldigt ihr. Auffallend, dass für so ein Rezital, relativ viele Plätze unbesetzt blieben, vor allem im Parterre. Die elegant gekleidete Französin setzte sich wieder ans Instrument und startete schön definiert in Ravels „Ondine“, dem ersten Teil aus seinem „Gaspard de la nuit“, der auf Poesie seines Landsmannes Aloysius Bertrand fusst. Lise de la Salle gestaltete den, mit „lent“ vorgegebenen Satz, denn auch wortgetreu aus, ebenso den als „très lent“ geschriebenen zweiten. Umso moderater kam dann der „Scarbo“ (bei Bertrand der Name eines grotesken Höllenzwergs, mit dem der Dichter darüber verhandelt, was nach seinem Tod mit seinem Körper geschehen soll). Eben diese Verhandlungen setzte die Künstlerin in diesem, technisch äusserst anspruchsvollen, Schlusssatz konsequent rational um, distinguiert, mit regungsloser Miene erntete sie dafür den begeisterten Applausorkan des Auditoriums, das erst nach längerer Zeit zögerlich den Saal für die folgende Konzertpause verliess. Als ich, wie immer, etwas früher als die anderen in den Saal zurück kam, war der Klavierstimmer noch mit dem Justieren der Filzbolzen des Konzertflügels beschäftigt.

Als dies erledigt war, setzte sich die Solistin wieder auf den Schemel und startete den zweiten Konzertteil mit Debussys ausgewählten Préludes, wehmütig und sehnsüchtig schwebend im ungewöhnlichen 5/4 Takt, gefolgt von leichtfüssig tanzenden Feen, gefasst in perlende Tastenläufe. Nachhaltiger, fast entrückt die Interpretation von „la fille auch cheveux de lin“, das sie sanft ausklingen liess. Umso fulminanter der folgende „dance de puck“, darauf etwas schwermütig elegant, manchmal fast dumpf die „Danseuses de Delphes“, bevor sich der Reigen mit der sechsten Prélude, dargeboten rauschend eloquent die Gischt im turbulenten Westwind versprühend, ja fast orkanartig tobend, grandios schloss. Das begeisterte Publikum zollte dieser Demonstration denn auch stürmischen langanhaltenden Beifall, auch diesmal von der Pianistin ohne gross erkennbare Emotionen zur Kenntnis genommen. Dann begab man sich wieder in ruhigere, traditionelle Gefilde mit den Variationen über ein Thema von Händel von Brahms. Selten klang ein Händel so nach Bach, erinnerte die Interpretation derart intensiv an Glenn Gould (1932 – 1982), den introvertierten, scheuen kanadischen Klangzauberer. Diesmal gab Lise de la Salle doch etwas mehr von sich preis, schien nicht mehr ganz so unnahbar. Eine Yuja Wang ist sicher hin- und mitreissender, diese Künstlerin hingegen ist „nur“ faszinierend, aber dies sehr nachhaltig. Das goutierte auch das Auditorium und erwirkte mit dem grossen Schlussapplaus noch Zugaben.

Text: www.leonardwuest.ch

Fotos: www.lucernefestival.ch

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