Luzerner Theater: Prometeo Eine Tragödie des Hörens von Luigi Nono, besucht von Gabriela Bucher – Liechti

Prometeo_Luzerner_Theater_©_David_Roethlisberger

Prometeo_Luzerner_Theater_©_David_Roethlisberger

Produktionsteam und Besetzung:

Musikalische Leitung: Clemens Heil Szenische Einrichtung: Benedikt von Peter Bühne: Natascha von Steiger Kostüme: Ulrike Scheiderer Kostüme: Andrea Pillen Video: Bert Zander Licht: David Hedinger Einstudierung Chor: Mark Daver Dramaturgie: Brigitte Heusinger Dirigent: Clemens Heil  Dirigent II: Matilda Hofmann Dirigent II: Joachim Enders

Aki Hashimoto (Sopran I), Diana Schnürpel (Sopran II), Susanne Otto (Alt I), Karin Torbjörnsdóttir (Alt II), Denzil Delaere (Tenor), Caroline Vitale (Sprecherin), Robert Maszl (Sprecher), Roberto Fabbriciani (Flöte) (09.09. / 11.09. / 12.09.), Maruta Staravoitava (Flöte) (15.09. / 18.09. / 24.09. / 30.09. / 29.09. / 08.10. / 09.10. / 15.10.) , Andrea Nagy (Klarinette / Kontrabassklarinette), Jean-Philippe Duay (Posaune), Jozsef Bazsinka (Tuba / Euphonium)

Chor des Luzerner Theaters, Experimentalstudio des SWR, Luzerner Sinfonieorchester, Statisterie des Luzerner Theaters

Rezension:

Neu, ungewohnt, anders, faszinierend – so war der Auftakt der neuen Saison des Luzerner Theaters letzten Freitag anlässlich der Premiere des Werkes «Prometeo» von Luigi Nono. Bereits die Einführung zeigte, dass nichts mehr so ist wie es war: Anstatt im engen Gang des Obergeschosses fand sie  in der «Box» statt, mit Blick aufs Theater, auf die Menschen auf der Strasse, aufs Leben. Der «Einstieg» – im wahrsten Sinn des Wortes – erfolgt über die grosse Holztreppe vor dem Theater durchs Fenster ins Foyer. Durchs Fenster steigen sonst allenfalls Schauspieler auf der Bühne, nicht das Publikum, aber wie gesagt, nichts ist hier so wie es war.  Vor dem Einlass werden die Schuhe gegen Socken eingetauscht, das setzt schon mal alle irgendwie gleich, in den Saal, oder eben auf die Bühne, gelangt man durch Türen, die einen sonst verschlossen bleiben. Vorbei an Regiepulten und durch Gestänge kommt man an Orten vorbei, wo man normalerweise nie Einblick hat und findet sich voller Staunen im «Globe», dem Schiffsbauchähnlichen Raum, der so rein gar nichts mit dem üblichen Theatersaal zu tun hat. Jeder sucht sich seinen Platz, die Matratzen sind schnell belegt, man sitzt, hockt und liegt verteilt über den ganzen Theaterraum. Sogar der Geräuschpegel ist anders als sonst, teilweise auch verfremdet durch die Live-Elektronik des Experimentalstudios des SWR. Das einzig Bekannte dann kurz vor Beginn das Einstimmen der Instrumente. Dann wird es dunkel, Musiker und Sänger schälen sich aus dem Dunkel oben in den Balkonen, sitzen wie in einem Guckkasten dort, wo sonst das Publikum sitzt.

Anfänglich hat das Ungewohnte etwas Anstrengendes, man muss sich zuerst finden in der Sitzsituation, der Anordnung, muss klarkommen mit all diesen Leuten, die da kreuz und quer verteilt herumsitzen, muss sich einlassen auf diese langsame, beinahe durchscheinende Musik, dem «Nichtgeschehen». Dann aber verliert man sich je länger je mehr in den Tonlandschaften dieser Tragedia d’Ascolta, dieser Hörtragödie. Stimmen übergeben an Instrumente, überlagern sich, fliessen ineinander und in die Stille. Mal flüstern die Instrumente, mal keuchen, schnarren, heulen sie. Sirrende, sphärische Instrumentalstücke wechseln mit glasklaren Stimmen und man versteht den Hinweis im Programm, dass die Sänger sich nur «mit einem halben Stimmband durch die Komposition bewegen». Unglaublich, dass man so leise und gleichzeitig so präsent, so präzise und trotzdem so ausdrucksvoll singen kann. Die Musik scheint sich um sich selber zu drehen, fliesst durch’s Rund der oberen Ränge des «Globes», eine beinahe pausenlose, zweieinhalb Stunden dauernde Klanglandschaft. Zwei Mal kann man die Position wechseln, ab und zu bieten schwarz-gekleidete Frauen Wasser in weissen Plastikbechern an, legen Militär-Decken über nackte Beine, fürsorglich, mit unglaublich langsamen Bewegungen, entschleunigt wie die Musik.

Verstehen tut man wenig, das Lesen der eingeblendeten Texte ist kaum möglich, schieben sie sich doch über die Holzverkleidung, kriechen den Säulen entlang in die Höhe, umschlingen sie, legen sich als Tapete auf die Wände, um danach wie ein Wasservorhang in sich selber zu verfallen. Buchstabenteppiche legen sich über das Publikum und es entstehen faszinierende Zufallsbilder, ein «O» perfekt über dem Ausschnitt einer Zuschauerin, ein «he» auf dem Hemd ihres Nachbars, ein Streifenmuster auf einem schwarzen T-shirt.

Fasziniert, gefangen im Zuhören, ergibt man sich immer mehr, vergisst Ort und Zeit. Und wenn das Ohr zum Zentrum geworden ist, wie Benedikt von Peter erklärt, erreicht man eine Art Durchlässigkeit, eine Entrücktheit, eine Läuterung. Im letzten Stück «In der Wüste sind wir unüberwindbar» bleiben die Stimmen wie eine Fata Morgana flirrend und transzendent im Rund hängen und wenn der Dirigent langsam seinen Taktstock senkt und das Licht ausgeht, wirkt der aufbrausende Applaus anfänglich wie eine Ernüchterung und der Freitagabendrummel und der Autolärm draussen irgendwie unwirklich.

Es braucht etwas Zeit und Offenheit, um sich auf diesen «Prometeo» einzulassen, dann ist das Hörerlebnis aber einzigartig und in dieser Form, wenn überhaupt, wohl lange nicht mehr möglich.

Impressionen vom Entstehen der benötigten Infrastruktur:

vimeo.com/181510639?from=outro-embed

vimeo.com/180170993?from=outro-embed

Fotodiashow von DavidRoethlisberger Luzerner Theater

fotogalerien.wordpress.com/2016/09/10/luzerner-theater-promoteofotodiashow-von-davidroethlisberger/

Text: www.gabrielabucher.ch  Fotos: luzernertheater.ch

www.theaterpavillon.ch/

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