Sonntagsarbeit schon in der Antike umstritten

Prof. Dr. Reinhard Achenbach Martin Zaune

Bibelforscher Reinhard Achenbach zeigt, wie Ideal und Praxis des
arbeitsfreien Sabbats schon in seiner Frühzeit auseinanderfielen – Aus dem
Sabbat der Juden folgte der christliche Sonntag – Religiöses Sabbat-Gebot
wurde über Jahrhunderte nicht zum staatlichen Gesetz

Über Sonntagshandel und Sonntagsarbeit herrschten neuesten Forschungen
zufolge schon in der Antike unterschiedliche Auffassungen. „Der
arbeitsfreie Sabbat war zwar im Alten Israel als wöchentlicher Fest- und
Ruhetag ein verbreitetes Ideal, aber die Praxis und Rechtslage wichen
mitunter davon ab“, sagt der evangelische Theologe Prof. Dr. Reinhard
Achenbach vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster.
„Schon in der frühen Phase des wöchentlichen Sabbats herrschten selbst in
der Gruppe der Juden keine einheitlichen Haltungen und Praktiken. Das war
in der damals religiös vielfältigen Gesellschaft nicht anders als in
unserer heutigen“, so der Bibelforscher, der in Kürze eine Untersuchung
zur Entstehung und Geltung des Sabbatgebots veröffentlicht und dafür
biblische und außerbiblische Texte aus alttestamentlicher Zeit untersucht
hat. „Die Priester am Jerusalemer Tempel forderten ab dem 5. Jahrhundert
vor Christus, dass alle Israeliten den siebten Tag strikt als Tag Gottes
begehen sollten – mit Gottesdienst und ohne Arbeit für Mensch und Tier –,
so wie es die Christen später für den Sonntag übernahmen. Doch die Praxis
sah anders aus, und zum staatlichen Gesetz wurde das religiöse Gebot lange
Zeit nicht.“

Das Gebot wurde den Untersuchungen zufolge ebenfalls für Nicht-Israeliten
attraktiv, weil es auch ihnen, wie die historischen Quellen zeigen, Raum
für Ruhe und Erholung für Mensch und Tier bot und sich so positiv auf das
Zusammenleben und die Umwelt auswirkte. Für die Juden selbst sei das
Sabbatgebot vor allem Kennzeichen ihrer Gemeinschaft als „Volk Israel“
gewesen, führt der Alttestamentler aus. Die Befolgung des Gebots stützte
sich insofern vor allem auf die Selbstverpflichtung der religiösen
Gemeinschaft.

Androhung von Todesstrafe für Holzsammeln am Sabbat

Detaillierte Regeln für den Sabbat gab es indes kaum: Die jüdischen
Gelehrten entwickelten zwar ab dem 5. Jahrhundert vor Christus in der
Torah eine „ausführliche Theologie des Sabbats“ und flochten ihn in die
biblische Schöpfungsgeschichte ein, wie Prof. Achenbach erläutert. Dabei
blieb die Androhung von strikten Strafen bei Nichteinhaltung des Gebots
eine Ausnahme, etwa der Todesstrafe, wie sie Gelehrte im 4. Jahrhundert
vor Christus für das Holzsammeln am Sabbat ins vierte Buch Moses
einfügten. „Es finden sich sonst kaum Regeln für das, was die Texte nun
stets ‚Sabbat‘ nennen. Das ließ in der Praxis viel Raum zur
Interpretation.“ Beispiel Gemüsetransport am Sabbat: Während die Bibel an
vielen Stellen das Tragen von Lasten am wöchentlichen Ruhetag verbietet,
lässt sich im „Elephantine-Papyrus CG 152“ aus der zweiten Hälfte des 5.
Jahrhunderts nachlesen, wie ein ägyptischer Jude auf der Nil-Insel
Elephantine geradezu gedrängt wird, eine Schiffslieferung Gemüse
sicherzustellen – ausdrücklich im Namen Gottes. „Die verderblichen
Lebensmittel sollten als wertvolle Fracht sehr wohl transportiert werden
dürfen“, so Prof. Achenbach.

Ein anderes Beispiel für die Abweichung vom Gebot: „Aus dem 3. Jahrhundert
vor Christus ist im biblischen Buch Nehemia 10,32 überliefert, dass
Händler Waren an Sabbattagen in den Tempel brachten. Das Gebot galt zu
dieser Zeit noch lange nicht im juristischen Sinn – und wurde so auch im
Tempel und in seinen Vorhöfen nicht immer befolgt. Es gab keine bindende
rechtliche Regel im Land Juda, die freien Transport und Handel verhindert
hätte, auch nicht im Bezirk von Jerusalem und in den Vorhöfen des
Tempels.“ Die Einhaltung des Sabbatgebotes blieb damit nach den Worten des
Wissenschaftlers lange Zeit Kennzeichen der gläubigen Juden, die aus
religiösen Motiven entschieden, am Sabbat bei den Händlern nicht zu
kaufen.

Theologisch verbanden die Gelehrten und Gläubigen mit dem streng
formulierten Sabbatgebot die Vorstellung, das Volk Israel solle ganz auf
die Fürsorge seines Gottes vertrauen, symbolisiert durch das Ruhenlassen
der Arbeit, das ja der eigenen Versorgung diente. Für wen das Gebot galt,
wurde schon damals unterschiedlich betrachtet, wie Prof. Achenbach
darlegt: „Nachdem die priesterlichen Schreiber den Sabbat nachträglich in
die biblische Schöpfungserzählung eingeflochten hatten, konnte das Gebot
prinzipiell für alle Welt gelten. Die meisten Juden betrachteten es aber
als strenge Ausnahme, wenn interessierte Fremde sich ihrer religiösen
Gemeinschaft zeitweise anschließen wollten.“ Das galt etwa für Gesandte
des Persischen Reiches in Jerusalem, die dem Gebot folgten, wie die
Quellen schreiben. „Sie blieben jedoch eine umstrittene Ausnahme. Denn die
Juden sahen den Sabbat als Zeichen für den Bund Gottes mit ihrem
auserwählten Volk – weshalb es im Laufe der Jahrhunderte zu ihrem
Kerngebot und zum Erkennungszeichen ihrer religiösen Gemeinschaft wurde.“

Ursprünglich ein Vollmondfest

Der älteste Beleg für die Regel, am siebten Tag zu „ruhen“ (hebr. shabat)
in 2 Mose 23,12 hatte vor allem den Sinn, die Arbeitskraft von Mensch und
Tier zu schonen, insbesondere der Frauen, Kinder und der Migranten.
Daneben gab es jahrhundertelang ein Vollmondfest, das Juden nur einmal im
Monat als Tag ihres Gottes Jahwe mit Opfer- und Reinheitsritualen
begingen, welches von den Babyloniern „Shabbatu“ genannt wurde. Zum
wöchentlichen religiösen Fest- und Ruhetag, aus dem später der christliche
Sonntag hervorging, wurde der Sabbat erst in der Epoche des Babylonischen
Exils im 6. Jahrhundert vor Christus. „Die Israeliten mussten in dieser
Exilzeit Feldarbeit leisten und hatten kaum Gelegenheit, den Vollmond-
Sabbat und andere religiöse Fest zu begehen.“ So machten sie das Ausruhen
am siebten Tag – das vor dem Exil bereits als soziale Regel galt, die auch
den Schwächeren in der Gruppe, Sklaven, Frauen, Kindern und Tieren
Erholung bot – zu ihrem festen Brauch und werteten ihn religiös auf. „Das
geschah, indem Gelehrte die religiöse Autorität des monatlichen Sabbats
als Tag Gottes ausweiteten und im fünften Buch Mose innerhalb der Zehn
Gebote den siebten Tag zum gottgeweihten Tag des Volkes Jahwes erklärten“,
so Prof. Achenbach. „Durch den Einfluss der nach-exilischen priesterlichen
Schreiber wurde das Sabbatgebot eine Lex Sacra, ein heiliges Gesetz, eine
fundamentale rituelle Regel als Teil der Torah.“

Der englischsprachige Beitrag „Lex Sacra and Sabbath in the Pentateuch“
über Entwicklung und Geltung des Sabbatgebotes in der Antike liegt im
Schnittfeld von zwei Forschungsschwerpunkten des Theologen Achenbach, der
altorientalischen und biblischen Rechtsgeschichte sowie der Forschung über
den Pentateuch, die biblischen fünf Bücher Mose. Der Aufsatz, der in der
renommierten „Zeitschrift für altorientalische und biblische
Rechtsgeschichte“ erscheint und als Preprint unter http://www.religion-und-
politik.de zu lesen ist, analysiert in textkritischer Methode die
Entstehung alttestamentlicher Aussagen über den Sabbat. Am
Exzellenzcluster „Religion und Politik“ leitet Prof. Achenbach das
Forschungsprojekt C2-1 „Religionspolitik im antiken Perserreich.
Kulturvergleichende und rechtsgeschichtliche Studien zur Situation der
Juden in der multireligiösen Gesellschaft der Achämenidenzeit“ und das
Projekt D2-12 „Altorientalische und Biblische Geschichts-Mythen und ihre
Rezeptionsgeschichte“. (ill/vvm)

Hinweis:
Achenbach, Reinhard: Lex Sacra and Sabbath in the Pentateuch, in:
Zeitschrift für altorientalische und biblische Rechtsgeschichte 22 (2016),
im Erscheinen.

Als Preprint auf der Website des Exzellenzclusters „Religion und Politik“
zu lesen: https://www.uni-
muenster.de/imperia/md/content/religion_und_politik/aktuelles/2016/12_2016/preprint_reinhard_achenbach_sabbat.pdf

Weitere Informationen finden Sie unter
http://www.uni-muenster.de/Religion-und-Politik/aktuelles/2016/dez/PM_Sonntagsruhe_und_Sonntagshandel_in_der_Antike.html

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