Orchestre National de France, KKL Luzern, 12. April 2018, besucht von Léonard Wüst

Orchestre National de France

Besetzung und Programm:

Engelbert Humperdinck (1854 – 1921)
Vorspiel zur Oper «Hänsel und Gretel»

Max Bruch (1838 – 1920)
Schottische Fantasie op. 46 für Violine und Orchester

Maurice Ravel (1875 – 1937)
Une barque sur lʼocéan

Claude Debussy (1862 – 1918)
La Mer

Rezension:

Grundsätzliches zu den Protagonisten

Das im Jahre 1934 gegründete Orchestre National de France, das erste ständige Sinfonieorchester Frankreichs, war schon des Öftern zu Gast im Konzertsaal des KKL in Luzern, so u.a.  unter verschiedenen Dirigenten in diversen Konzerten des „Migros – Kulturprozent – Cassics“.

Dirigent  Emmanuel Krivine, geboren in Grenoble, startete seine Karriere als Violinist. Im Alter von 16 Jahren wurde er mit dem Premier Prix des Paris Conservatoire ausgezeichnet und studierte bei Henryk Szeryng und Yehudi Menuhin. Sein Treffen mit Karl Böhm 1965 gab den Ausschlag, dass er sich auf das Dirigieren konzentrierte.

Buch Guarneri del Gesù, Panette, 1737,obs BSI SA

Renaud Capuçon, einer der weltbesten Geigenvirtuosen, spielt  auf der „Guarneri del Gesù, Panette, 1737“, die früher während 50 Jahren im Besitz des berühmtesten Violinisten seiner Zeit  Isaac Stern (1920 – 2001) war.

1.Konzertteil mit Werken deutscher Komponisten

Einleitend im Programm war das Vorspiel zu „Hänsel und Gretel „von E. Humperdick, das dem Orchester wenig Gelegenheit zur Profilierung bot.

In Max Bruch`sSchottische Fantasie op. 46 für Violine und Orchester“, basierend auf schottischen Volksweisen, spielen die Harfen eine tragende Rolle. Der Komponist lehnt sich in allen vier Sätzen sehr stark auf original schottische Volksmelodien an. Das Werk war dem spanischen Meistergeiger Pablo Sarasate auf den Leib geschrieben, sollte auch von diesem uraufgeführt werden, was dann jedoch, aufgrund einiger Verstimmungen zwischen den beiden, nicht der Fall war. So war es dem ebenso berühmten deutschen Solisten Joseph Joachim vorbehalten, das Werk am 22. Februar 1881 in Liverpool aus der Taufe zu heben.

Hier verzichte Capuçon  auf übertriebene Glissandi, war auch in höchsten Lagen nie schrill, bewies grösste Sensibilität, konnte auch hauchzart akzentuieren, mit einer ganz auf schönen Ton ausgerichteten Phrasierung und wurde dabei vom ehemaligen Geiger Emmanuel Krivine und seinem Orchester hervorragend rücksichtsvoll unterstützt.

Absoluter Höhepunkt des 1. Konzertteils war die Zugabe

Renaud Capuçon, Solist Violine

Mit Jules Massenets  Meditation aus Thaïs als Zugabe krönte Renaud Capuçon seine sonst schon überragende Darbietung und stellte einmal mehr unter Beweis, dass er einer der besten Virtuosen an der Violine unserer Zeit ist. Das Auditorium spendete denn auch begeisterten, stürmischen Beifall, der natürlich auch den andern Künstlern galt. Der Solist bat dann noch die Harfenistin Emilie Gastaud, die die Zugabe mit ihm im Dialog so wundervoll mitgestaltet hatte, für einen Extraapplaus  zu sich nach vorn an den Bühnenrand.  Trotz einiger Bravorufe und abschliessendem Applausorkan, reichte es nicht ganz zu einer stehenden Ovation. Diese hätte es, da bin ich mir sicher, ganz gewiss gegeben, wenn dies das Ende des Konzertes und nicht „nur“ der erste Konzertteil gewesen wäre. So aber begab man sich gutgelaunt in die Pause.

2. Konzertteil mit Werken französischer Komponisten

Maurice Ravel, der Prototyp eines Dandys, illustrierte tonal mit «Une barque sur lʼocéan» – ein tanzendes Boot auf den schimmernden Wellen des Meeres. Ursprünglich, wie die meisten seiner Werke, 2005 für Klavier komponiert, orchestrierte er das Werk erst zwei Jahre später, 2007 uraufgeführt. Da Ravel die Orchesterfassung jedoch nicht wirklich geglückt erschien, wurde sie erst 15 Jahre nach dessen Tod, also im Jahre 1950 veröffentlicht. Das Werk gehört zu seinem viersätzigen Zyklus „Miroirs“. Auch hier oblag den Harfen wieder eine tragende Rolle, übernahmen sie doch das Leitmotiv, das in der Urfassung dem Piano zugeteilt war. Dazu das glänzend aufgelegte Orchester, souverän in Klang, Rhythmus und Dynamik, unterstützend, den feingesponnenen Passagen der Harfen nie entgegentretend, sondern das Klangerlebnis ergänzend zur ausgereifter, betörenden Fülle.

Der krönende Abschluss des Konzertes

Emmanuel Krivine, Leitung

Die Sinfonie „La mer“, von Debussy selbst als «sinfonische Skizzen» untertitelt, ist das Musterbeispiel des musikalischen Impressionismus und heute eines seiner beliebtesten, am meisten gespielten Werke. Wie eigentlich alle Werke Debussys ist auch La mer“ kein Gassenhauer, sondern schön gradlinig reduziert, in karg formaler Form geschrieben, verdeutlicht es die besondere Beziehung des Komponisten zum Meer, hatten doch seine Eltern für ihn eine Laufbahn als Seemann vorgesehen, wie er seinem befreundeten Komponistenkollegen André Messager einmal in einem Brief offenbarte. Die beiden Ecksätze sind durch dasselbe Motiv verbunden In der Einleitung von Trompete und Englischhorn exponiert, wird es im Finale von der Solotrompete eingeführt, übernimmt in der Folge die Rolle des Meeres, dem der Wind als Dialogpartner gegenübersteht. So übernimmt der Mittelsatz „Jeux des vages“, also das Spiel der Wellen, gleichsam die Funktion eines Scherzos. Das Orchester, unter subtiler Führung seines Dirigenten, konnte hier aus dem Vollen schöpfen, magistral sich von den Wellen treiben, von Wogen tragen lassen. Debussy hat ebenso ausreichend Sequenzen in die Partitur geschrieben, die einzelnen Registersolisten Raum zum Profilieren bot, sei es für die Oboe, die Harfe, Trompete oder das Horn usw..

Gegen Schluss wechseln Sequenzen von Bässen zu den Oboen, Schlagwerk, Hörnern, Querflöte, Pizzicato der Celli, Tutti mit dominierenden Bläsern, Oboe, Xylophon, Hörnern, gefolgt von den Streichern übertrumpft von Oboe und Querflöte, Posaunen, Trompete, Tutti und endet mit einem veritablen Paukenschlag. Das Auditorium honorierte die Interpretationen des französischen Vorzeigeorchesters mit langanhaltendem stürmischem Applaus, garniert mit einigen Bravorufen.

Aussergewöhnlich, dass das Publikum schon vorher auch nach jedem einzelnen Satz Beifall spendete, nicht wie sonst üblich, nur am Ende einer Sinfonie.

Als ultimative, vom begeisterten Publikum herbeigeklatschten Zugabe, belohnten uns die Protagonisten noch mit «Barcarolle» aus Jacques Offenbachs «Hoffmanns Erzählungen».

Text: www.leonardwuest.ch

Fotos: sinfonieorchester.ch/home

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