Sinfoniekonzert 1 Filarmonica della Scala | Riccardo Chailly | Denis Matsuev, KKL Luzern, 11. April, besucht von Léonard Wüst

LUCERNE FESTIVAL 2019. OSTER-FESTIVAL. Sinfoniekonzert 1 vom 11. April 2019. Die Filarmonica della Scala und ein strahlender Solist Denis Matsuev, rechts, neben Dirigent Riccardo Chailly, links, Foto Peter Fischli

Besetzung und Programm:

Denis Matsuev  Klavier
Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (1840–1893)
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 b-Moll op. 23
Modest Mussorgsky (1839–1881) / Maurice Ravel (1875–1937)
Bilder einer Ausstellung

Rezension:

Die Filarmonica della Scala, Riccardo Chailly, Denis Matsuev, Tschaikowsky und | Mussorgsky, eine Kombination, die jeden Liebhaber klassischer Musik glatt in Verzückung versetzt.

Nebst Beethovens Ta Ta Ta…ta Sinfonie (der fünften), Mozarts Kleiner Nachtmusik, Verdis Triumphmarsch, seinem Gefangenenchor und vielleicht noch Smetanas Moldau, ist Tschaikowskys erstes Klavierkonzert wohl das Stück, das auch jeder Nicht Klassikkenner nach den ersten paar Tönen erkennt.

Der, 1975 im sibirischen Irkutsk geborene, Tastenmagier Denis Matsuev ist allein schon aufgrund seiner Herkunft für die Interpretation  von Werken russischer Komponisten prädestiniert.

Klangmagier Denis Matsuev am Klavier Foto Matthias Creutziger

Matsuev agiert vor allem in den Überleitungen pianistisch vollgriffig brillant, immer wieder aber auch lyrisch schwelgerisch. Die Durchführung verzahnt zunächst im Orchesterspiel das erste und das dritte Thema, ehe das Klavier mit donnernden Oktavketten übernimmt und über zweites und erstes Thema „frei phantasiert“, schließlich auch im Wechselspiel mit dem Orchester, ehe das erste und das dritte Thema, um die Vorherrschaft streitend, zur Reprise führen. Die ausgeschriebene Klavierkadenz bietet weitere Metamorphosen der drei Themen, bis die Coda des ersten Satzes mit dem dritten Thema ansetzt und der Satz effektvoll abgerundet wird.

Eine träumerische Melodie, vom Solisten schwelgerisch, nicht aber süss interpretiert,  prägt den zweiten Satz, ein Andantino semplice, zuerst erklingt die Melodie von der Flöte gespielt, dann übernimmt das Klavier, und das Geschehen wird in Sechzehntel Girlanden weitergesponnen. Völlig überraschend bricht ein irrwitzig filigran-virtuoses Prestissimo in den Satz, spukhaft rasch, fast wie ein verkapptes Scherzo, sanft aber heftig treibend, bis eine Klavierkadenz zur träumerischen Melodie zurückführt, die Matsuev fein ziseliert und so  den Satz feinfühlig zu Ende führt.

Konzertfoto von Peter Fischli Lucerne Festival Dirigent Riccardo Chailly

Drei Themen auch im dritten Satz, Allegro con fuoco – das erste ein Höllenritt, intoniert vom russischen Pianisten dämonisch kraftvoll, dennoch düster. Das zweite ein übermütig enthusiastisches Volksfest, bei dem sich der Solist zum schalkhaft -lustigen Musikanten wandelte, das dritte ein ganz großer Melodiebogen, voluminös nachgezeichnet von Matsuev der sich zum Ende hin „freikämpft“ und mit einer alles überstrahlen wollenden Apotheose triumphiert. Wunderbar, dass sich der Pianist sehr sparsam des Pedals bediente und somit die Variationen immer gestochen scharf und nie verschwommen daherkamen. Es war eine atemberaubende Interpretation, wahnwitziger Tastendonner, aberwitzig virtuos, und wo es ruhiger zugeht, zeigt sich Matsuev als großer, souveräner Gestalter, getragen von einem grossartigen Orchester unter engagierter Leitung von Maestro Chailly. Klar bediente diese Umsetzung des Mussorgsky Klassikers sämtliche Clichées russischer Musik Seele, aber genau dies schien dem Auditorium im sehr gut besetzten Konzertsaal zu gefallen. Dies manifestierte sich in einer wahren Applauskaskade, die den Solisten und den Dirigenten mehrere Male zurück auf die Bühne beorderte, bis sich Matsuev nochmals an den Flügel setzte und eine kleine Zugabe gewährte.

Das Orchester führte uns grandios durch Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung

Konzertfoto von Peter Fischli Lucerne Festival

Natürlich, auch an diesem Abend, die von Maurice Ravel orchestrierte Fassung. Das sehr einprägsame Intro, immer kehrt es wieder zurück zwischen den einzelnen Bildern, das wehmütig – sehnsüchtige Thema, jedes Mal von andern Instrumenten, in leicht variierten Formen. Mussorgsky  charakterisiert das Flanieren in der Ausstellung in wechselnden Stimmungen, in denen das jeweils vorherige Motiv nachwirkt oder das aufkommende seine Schatten vorauswirft. Das wiederkehrende Zwischenspiel der „Promenade“ verbindet die Bilder und spiegelt die Stimmung des Betrachters wider.

Mussorgskys Hommage an seinen Freund Viktor Hartmann

Konzertfoto von Peter Fischli Lucerne Festival

«Ich schaue zu Mussorgsky auf, denn ich halte ihn für den grössten russischen Komponisten», bekannte Dmitri Schostakowitsch. Aber gerade das russischste der russischen Werke dieses Grössten, seine Bilder einer Ausstellung, spielt auch in Frankreich und Italien, in den Tuilerien, in Limoges, in den römischen Katakomben. Mussorgsky zeichnet musikalisch die Bilder nach und dabei fügt er, ansonsten sturer Verfechter der urrussischen Musik, auch „unrussisches“ ein, wie z.B. „Il vecchio Castello“, Tuileries, Limoges, le marché und Catacombae, Sepulcrum Romanum und skizziert so die Werke seines viel zu jung verstorbenen Freundes, des Malers und Architekten Viktor Hartmann (1834 – 1873).

Die Filarmonica della Scala zelebriert ihr grossartiges Können unter Riccardo Chailly.

Konzertfoto von Peter Fischli Lucerne Festival

Seit Januar 2015 trägt Riccardo Chailly als Musikdirektor die Verantwortung an der Mailänder Scala, und seit dem Sommer 2016 amtiert er dazu als Chefdirigent des Lucerne Festival Orchestra, so sind also die Mailänder bestens aufeinander abgestimmt. Trotzdem ist es kein routiniertes „Abspulen“ des Werkes, sondern eine höchst feinfühlige Darbietung in der die einzelnen Register dieses renommierten Orchesters ihre Fähigkeiten demonstrieren können. der Dirigent seziert das Werk förmlich, kitzelt die diversen Finessen heraus, animiert die einzelnen Register mittels Gesten und Augenkontakt, ermuntert die Solostimmen zu Spitzenleistungen. Die filigran schimmernde Dichte der Streicher perfekt als Kontrapunkt und gleichzeitig Ergänzung der intensiv klangigen Bläser. dazwischen ein Harfenarpeggio, ein Triangel der sich einmischt. Ein wunderbares Klang  Bild der Bilder., bessergeht fast nicht. Riccardo Chailly, der zurückhaltend, aber dennoch bestimmt dirigierte verzögerte das Finale hochdramatisch bis hin zum musikalischen Orgasmus. Das Publikum applaudierte begeistert, auf Bravorufe folgte, fast zwangsläufig und hochverdient, eine stehende Ovation.

Text: www.leonardwuest.ch Fotos: www.lucernefestival.ch

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