Zürcher Kammerorchester präsentiert Cameron Carpenter, Tonhalle Maag, 22. Juni 2019, besucht von Léonard Wüst

Cameron Carpenter’s International Touring Organ Foto Ruedy Hollenwäger

Besetzung und Programm:
Zürcher Kammerorchester
Cameron Carpenter (International Touring Organ)
Willi Zimmermann (Konzertmeister)

Cameron Carpenter Improvisationen
Johann Sebastian Bach Klavierkonzert Nr. 4 A-Dur BWV 1055
Francis Poulenc Konzert g-Moll für Orgel, Streicher und Pauke
George Gershwin Gershwiniana

Rezension:

Cameron Carpenter in Gedanken versunken vor seiner Orgel

Um einiges braver sah er schon aus, der exzentrische Punk, glattrasiert, statt mit seinem Markenzeichen, dem auffälligen schwarzen Punk Irokesenhaarkranz. Selbstbewusst trat er auf die Bühne der sehr gut besetzten Tonhalle Maag. Inmitten den Türmen, Verstärkern usw. seiner, für seine speziellen Bedürfnisse, selbstentworfenen und nach seinen Wünschen und Ideen gebauten „International Touring Organ“. Das digitale Instrument ist das erste seiner Art – und es polarisiert die Musikwelt. Auch mit seiner Frisur fällt der 38-Jährige in der Klassikwelt noch immer auf wie Nigel Kennedy in den Achtzigern. Seit fünf Jahren tourt er mit seiner High-Tech-Orgel durch die Welt. Eine bemerkenswerte Karriere, die in einem Knabenchor in New Jersey begann. Heute lebt Carpenter in Berlin.  Das altersmässig gut durchmischte Publikum gibt schon mal zünftig Vorschussapplaus, bevor sich der Künstler an sein Riesending setzt und unverzüglich anfängt zu improvisieren. Dies tut er mit allen zehn Fingern, den beiden Füssen, auch mal mit dem Ellbogen, wenn’s denn sein muss.

Zu seinem Instrument

Cameron Carpenter’s International Touring Organ Foto Ruedy Hollenwäger

Jahrelang hat Carpenter mit den amerikanischen Pionieren von Marshall & Ogletree das Hightech Instrument konzipiert, das nur ein Ziel hat – seinen Spieler frei zu machen von allem, was für Organisten seit Jahrhunderten zu ihrem nicht immer leichten Leben gehörte: die Tücken der Mechanik, Verstimmungen, Verzögerungen, Verklemmungen. Für Carpenter sind klassische Pfeifenorgeln mit ihren individuellen Macken oft nichts weiter als „waste of life“. Heute ist dieses, ich nenn es mal Ungetüm in der Lage, bis zu 14000 Watt über 58 verschiedene Kanäle zu „liefern“, also das ideale Spielzeug für diesen ausgeflippten, aber auch hochprofessionellen und technisch äusserst versierten Tastenakrobaten, der es daneben auch sehr effektvoll versteht, die technischen Möglichkeiten, Klangeffekte usw. dieses Monsters auszureizen

Tonhalle Maag Zürich Impressionen vor dem Konzert

Wenn Cameron Carpenter die Geschichte seines Lebens erzählt. hört sich das ein bisschen an wie der Comic eines Superhelden. Auf YouTube zeigt der Organist gern seinen von Liegestützen, Pilates und Yoga gestählten Oberkörper und erzählt die «Geschichte vom Kind als Genie: Sohn eines Ofenmachers aus dem 13000-Einwohner-Kaff Meadvilh in Pennsylvania, wo auch Sharon Stone herkommt Schulbesuch“ Fehlanzeige‘

Tonhalle Maag Zürich Impressionen vor dem Konzert

Der Fast Autodidakt, der als Kind in der Schmiede seines Vaters auf einer Hammondorgel aus den 1930er Jahren gegen den relativ lauten Schallpegel dieses Ortes anspielte. Carpenter über seine Jugend in der Ofenbauerwerkstatt seines Vaters die in seinen Erzählungen einem mythologischen Schauplatz nahekommt: «Um mich herum schlugen die Männer das Eisen››. erzählt er. «und ich wollt« sie unterhalten – laut. lauter. am lautesten. Jahre später studierte er an der Juilliard School in New York (master degree) bei Gerre Hancock, John Weaver und Paul Jacobs. Er wirkte kurzzeitig als Artist-in-residence an der Middle Collegiate Church in New York und konzertiert regelmäßig in den großen amerikanischen und europäischen Musikzentren. Sein Album „Revolutionary“ wurde für den Grammy 2009 nominiert.

Cameron Carpenter mit seiner International Touring Orgel

Interview Zitat Carpenters auf die Frage, ob er mit seiner Art nicht Tabus der Klassik breche: Nein, weil ich keine Tabus in der Musik wahrnehme. Das ist eine Konstruktion von zunehmend verzweifelten Marketingabteilungen. Ich bin es leid, der Bad Boy der Orgelwelt zu sein. Zudem bin ich mit 38 Jahren alt wohl kaum mehr ein Jugendlicher, also der Begriff  des „enfant terrible“ ist für einen Mann in diesem Alter definitiv auch fehl am Platz

Auszug aus dem Programmheft: Sie haben Bach immer wieder gehörig gegen den Strich gebürstet

Cameron Carpenter To Launch Worldwide Touring Organ

Das hört sich immer so gut an, aber um ehrlich zu sein, glaube ich nicht an diese Effekte der Musik. Die Welt ist heute viel komplizierter, es leben viel mehr Menschen auf der Erde – nein: Bach hilft uns kaum, unser eigenes Chaos zu ordnen. Es ist als Künstler heute schwer, keine Botschaft zu haben, keine aktuelle Bedeutung, sondern nur die geniale Musik, die einem gefällt. Es braucht Mut zu sagen: «Ich spiele ein Stück einfach nur, weil ich es grossartig finde.›› Genauso ist es aber bei mir und Bach. so sehen das einige. Ich sehe das anders. Ich habe mich mit Bach beschäftigt. Als Mensch sagt er mir gar nichts: zu religiös, zu fanatisch. Gäbe er die in seinen Briefen enthaltenen Aussagen heute öffentlich von sich, würde sich in der Strassenbahn wahrscheinlich niemand neben ihn setzen. Aber als Musiker war er ein Genie! Er hat die Wissenschaft in die Musik geholt, eine Idee, die erst viel später bei anderen Komponisten populär wurde. Er ist so etwas wie der erste Architekt der Musik, an dem sich eigentlich alles Nachfolgende orientiert. Das ist, was mich fasziniert – nicht der Mensch, nicht seine religiöse Botschaft, sondern seine Musik als Selbstzweck

Bach mit dem Zürcher Kammerorchester

Cameron Carpentor an der International Touring Organ

Cameron verlässt kurz die Bühne worauf diese von den Streichern des Zürcher Kammerorchesters unter Führung von Konzertmeister Willy Zimmermann geentert wird. Deren Stühle stehen halt grad da, wo sie neben der Riesenorgel noch Platz haben, also im Halbrund um das fünfmanualige Herzstück mit durchgehendem Fuss Bass. Nach dem kurzen Stimmen der Instrumente kam Carpenter dazu, setzte sich an die Orgel und weiter gings mit Bach. Carpenter lotete sein Instrument in allen Dimensionen aus, trotzdem blieb Bach unangetastet Bach. Cameron improvisiert nicht wie etwa Jacques Loussier, sondern bleibt Werk treu, wenn auch auf seine ganz spezielle Art. Den Zuhörern gefiels und auch den Musikerinnen des ZKO machte es sichtlich Spass.

Umgänglicher, nahbarer Star in der Pause

Cameron Carpenter erfüllte in der Pause fleissig und geduldig Autogrammwünsche

Einen freundlichen, umgänglichen, gar etwas scheuen jungen Mann erlebte man in der Pause. Geduldig lächelnd liess er sich dutzendweise zu Selfies ablichten. Diskutierte mit manch Hobbyheimorganisten, erfüllte freundlich und geduldig die Autogrammwünsche der erstaunlich vielen Kinder.

Da wird mancherder dabei anwesenden Mütter und Väter an Weihnachten Mühe haben, ihrem Sprössling zu erklären, dass soo eine Orgel halt nicht ins Kinderzimmer passen würde und er/sie sich doch bitte etwas anderes wünschen solle.

Auch Francis Poulenc dürfte Ihnen dann als Mensch nicht gefallen haben –er war ebenso gläubig wie Bach.

Cameron Carpenter erfüllte in der Pause fleissig und geduldig Autogrammwünsche

Aber Poulenc war auch ein Pariser Strassenjunge. Die Gläubigkeit interessiert mich nicht, wenn sie nicht den Kern der Musik betrifft. Es ist klar, dass damals fast jeder irgendwie Christ oder Jude war. Bei Poulenc interessiert mich etwas anderes: Alle schwärmen von der Bearbeitung Maurice Duruflés, aber ich mochte sie nie – auch deshalb, weil mir Duruflés nationalistische Einstellung suspekt ist. Mir ging es darum, seinen Einfluss auf die wunderbare Musik Poulencs vergessen zu machen. Ich habe die Register, wie Duruflé sie vorschlägt, einfach gestrichen.

Wie passt denn Gershwin in die Konzertkonstellation?

Cameron Carpenter Foto Thomas Grube

Bei Bach funktioniert ein Quartett auch für die Orgel, ein Flötenkonzert auch für die Geige. Genauso ist es bei Gershwin: Er hat universelle Musik komponiert, die auf jedem Instrument gespielt werden kann, etwa die «Rhapsodie in Blue››. Das Intro der Streicher deutete zuerst die Rhapsodie in Blue kurz an, nahm dann das „Summertime“ Thema aus Porgy und Bess auf, worauf der Organist sich ins Geschehen einfügte, zuerst variierte er Sequenzen der „Cuban Ouverture“ um unvermittelt in die unbekannteren Passagen der Rhapsodie einzutauchen, immer supportiert vom souveränen Orchester, das von Willy Zimmermann mittels kurzen Gesten und Mimik geführt wurde.

 Nachtrag

Das Autodidaktische ist für ihn wichtiger, weil für ihn der Soundtrack zu «Die Schöne und das Biest» ebenso zur Klassik gehört wie die Miniaturen Anton

Weberns. Weil Popkultur und das Klassikerbe für ihn in der gleichen Liga spielen. «Mir gefällt es, wenn es unter der Oberfläche Substanz gibt››, sagt er, «doch auch das Aussehen ist längst Teil der Kultur.›› Carpenter ist ein Pop-Intellektueller,

für den die Erfindung gleichberechtigt neben der Wirklichkeit steht und die Bearbeitung des Vorhandenen zur neuen Kunst wird. Carpenter hat mal gesagt. Ich habe keine Botschaft. Die hat er aber an diesem Abend ausgezeichnet rübergebracht und damit das Auditorium vollauf begeistert und es zu einer „Standing Ovation“ animiert.

Ich empfehle dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron und Michel Aupetit dem Bischof von Paris: Wenn die „Notre Dame de Paris“ denn restauriert ist, lasst doch diesen motivierten Amerikaner zur Wiedereröffnung der Kathedrale auf der „Aristide Cavaillé-Coll Orgel“ aus dem Jahre 1868 mit seinem explosiven Spiel die alten Geister verscheuchen und eine strahlende Zukunft einorgeln.

Text: www.leonardwuest.ch Fotos: www.zko.ch und www.cameroncarpenter.com

Homepages der andern Kolumnisten: annarybinski.ch  www.noemiefelber.ch

www.gabrielabucher.ch  Paul Ott:www.literatur.li

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