Luzerner Theater, Il barbiere di Siviglia, Première, 25.09.20, besucht von Léonard Wüst

Szenenfoto von Ingo Hoehn

Produktion und Besetzung:
Produktion: Musikalische Leitung: Alexander Sinan Binder Inszenierung: Martin G. Berger Bühne: Jakob Brossmann Kostüme: Sarah-Katharina Karl Licht: David Hedinger-Wohnlich Dramaturgie: Rebekka Meyer
Besetzung: Hyojong Kim (Graf Almaviva) Eungkwang Lee (Figaro)  Flurin Caduff (Bartolo) Diana Schnürpel (Rosina) Vuyani Mlinde (Don Basilio) Robert Maszl (Fiorillo) Camila Meneses (Berta) Marco Bappert (Offizier) Herrenchor des LT Luzerner Sinfonieorchester

Rezension:

Trotz der sehr ungewöhnlichen Umständen infolge des „Corona Zeitalters“ und dem unsäglichen Hick – Hack mit den diversen Amtsstellen, Denkmalämtern usw. um die Renovation/den eventuellen Neubau des Luzerner Theaters wird gespielt, und wie, einfach nur vor den erlaubten 320, statt den üblichen 480 Zuschauern. Nicht nur bei Luzern Tourismus spielen Asiaten eine Hauptrolle, auch am Luzerner stehen mit Eungkwang Lee  und Hyojong Kim zwei Südkoreaner in tragenden Rollen auf der Bühne, zudem agieren  noch einige im Chor.

Szenenfoto von Ingo Hoehn

Die eigentliche Handlung von Gioachino Rossinis Opern-Evergreen «Il Barbiere di Siviglia» ist schnell skizziert: «Ein verliebter Alter will morgen sein Mündel heiraten; ein junger Liebender mit mehr Geschick kommt ihm zuvor», fasste der französische Komödiendichter Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais, der mit seinem gleichnamigen Stück die Vorlage geliefert hatte, das Geschehen zusammen.

Die Luzerner präsentieren Bartolo nicht als lüsternen, alten Bock, sondern machen sich die aktuelle Weltlage zunutze und positionieren ihn als überbesorgten Virologen im Kampf gegen die sich immer mehr  einschleichende Sorg- und Gedankenlosigkeit seiner Mitmenschen.

 

Seit über 200 Jahren ein Bestseller

Die Geschichte wird schon seit 204 Jahren auf vielen Bühnen weltweit musikalisch erzählt, vermag aber, trotz Durchfall bei der Uraufführung am 20. Februar 1816  im Teatro Argentina in Rom, immer wieder zu fesseln, so auch aktuell am Luzerner Theater. Diesmal aber wird, aufgrund der Hygienevorschriften, ohne Pause gespielt, wofür das Werk, durch Bearbeitung von Dramaturgin Rebekka Meyer, von fast drei Stunden auf 1 Stunden 50 Minuten gestrafft werden musste. Da aus den gleichen Gründen nur eine Kleinformation von 14 Musikern inkl. Dirigent mitmachen durften, war auch Rossinis Musik davon betroffen, die von einem unabhängigen, externen Komponisten, in enger Zusammenarbeit mit dem musikalischen Leiter Alexander Sinan Binder, neu arrangiert wurde und zwar so raffiniert, dass man trotzdem ein volles Klangerlebnis genoss und gar nicht explizit mitbekam, was denn weggelassen oder umgeschrieben wurde.

Aequitas, Hygienitas und Veritas

Szenenfoto von Ingo Hoehn

Diese Worte stehen auf der Leinwand, die zu Beginn die später im Spiel benötigte grosse Wendeltreppe verhüllt. Links und rechts davon posiert je ein Soldat, die sich später als „Seuchenpolizisten“ entpuppen. Im Hintergrund, im Halbrund aufgereiht, das dünn besetzte Luzerner Sinfonieorchester unter Leitung von Alexander Sinan Binder. Im Vorspann, auf die Leinwand projiziert ein paar Eckdaten der Entwicklungsgeschichte, u.a.: 1814 Komposition des Barbiere, 1783 erster bemannter Heißluftballon 1825 fuhr 1. Eisenbahn, 1886 1. Patent für Automobil, 1931 1. Fernsehsendung, 1945 Abwurf der 1. Atombombe1957 1. Satellit, 2007 1.Phone, 2020 Covid 19. Fiorello (grossartiger Robert Mazl) als Erzähler führt durch den Plot, erläutert die Geschehnisse.

Wenn der „Goldene Käfig“ aus metallenen, grauen Gitterstäben besteht

Szenenfoto von Ingo Hoehn

Eine grosse drehbare, vergitterte metallene Wendeltreppe, sinnbildlich für das Haus von Doktor Bartolo, steht mitten im Globe und dient als eine Art Bühne, wo sich das meiste abspielt. Darin, wohlbehütet von ihrem Vormund Bartolo, sitzt dessen Mündel im sprichwörtlichen goldenen Käfig. Regisseur Martin G. Berger versetzt das Geschehen in die aktuelle Zeit der Pandemie, steckt Bartolo in die Rolle eines übervorsichtigen Virologen. Dieser ist  um die Gesundheit aller ihn umgebenden Personen, aber besonders um die eigene und um die seines Mündels, äusserst besorgt  und agiert deshalb sehr vorsichtig penibel und er duldet nichts und niemand in nächster Nähe, der nicht garantiert getestet „unverseucht“ ist. Über das ganze Geschehen wacht eine strenge Hygienepolizei (Männerchor des LT in Tiefseetaucher ähnlichem Outfit inkl. Gasmaske und Desinfektionsmittelzerstäubern).

Ignoranten und Verneiner formieren sich

Ein pink – Strumpfband – gewandeter Figaro und  sein Kumpane Fiorello foutieren sich mehr oder weniger um die Anordnungen und erlassenen Vorschriften der Behörden und zuständigen Gesundheitsämtern, animieren gar andere, sich ebenso zu verhalten, bewegen sich in der Nähe von Verschwörungstheoretikern und entschliessen sich, um mehr politisches Gewicht und grösseren Widerstand zu generieren, zur Gründung des LBU (Lustvoller Berührungs Untergrund).

All dies tun sie lustvoll und nicht humorlos. Vor allem, um den sturen Bartolo zu ärgern, schmieden sie ein Komplott um, unter Mithilfe des Grafen Almaviva, Rosina zu verführen und aus den Fängen des pingeligen Despoten zu befreien. Es ist Figaro, der Barbier von Sevilla, der sich als lebensfroher und einfallsreicher Geselle entpuppt, der seinen Beruf liebt und voller Begeisterung ausübte, inzwischen aber, aufgrund des Lockdowns, pleite ist. Figaro erklärt dem Grafen, dass er bestens über Rosina informiert ist.

Ensemble agiert auf allerhöchstem Level

Szenenfoto von Ingo Hoehn

Als Rosina, ähnlich Rapunzel ihre Haare, einen langen pinken Schal vom obersten Treppenabsatz zu ihren Verehrern hinunterlässt, bekommt die Szenerie einen märchenhaft- komödiantischen Touch. Beim ersten Annäherungsversuch tarnt sich der Graf als angetrunkener Soldat, bleibt aber erfolglos. Als er sich beim zweiten Mal als Musiklehrer einschleicht, klappt die Verführung beim Gesangsunterricht und Rosinas Flucht kann vorbereitet und ausgeführt werden. Die Interpreten überzeugen durch  Ihre schauspielerische und sängerische Leistungen. Eungkwang Lee gibt einen sehr extrovertierten, dennoch etwas blassen Figaro. Diana Schnürpel ist eine aufgestellte, selbstbewusste Rosina, figürlich in Richtung blond-pinkhaarfarbige Barbie Puppe angelegt. Ihr Sopran ist angenehm, wenn auch etwas zu schreierisch bei den Spitzentönen. Hyojong Kim ist der perfekte Graf Almaviva/Lindoro mit schöner, lyrischer Tenorstimme. Flurin Caduff überzeugt als ernster, sturer Don Bartolo und mit seiner temperiert, differenzierten Stimme. Auf der Bühne wird umarmt, sich abgeküsst, als ob es keine Bedrohung durch das unsichtbare Virus gäbe und alles so wäre, wie es schon immer war. Beim Zwischenabspann werden schmusende, küssende, kopulierende Paare auf die grosse Leinwand projiziert, also alle bei nicht „seuchengerechten“ Tätigkeiten und Fiorello stellt voreilig befriedigt fest: Es ist alles wie vorher.

Die Seuche hinterlässt Spuren, fordert Opfer

Zum Schluss fordert die Seuche halt dann doch noch ihr Opfer, fatalerweise aber nicht einen der aufrührerischen, besserwisserischen  Widerständler, sondern ausgerechnet den übervorsichtigen, pflichtbewussten Virologen Bartolo.

Der Regisseur zeichnet das Gesellschaftsbild etwas zu überspitzt clichéhaft im Laufe der Geschichte, sodass leider die Ironie schon fast zur Parodie verkommt.

Nichtdestotrotz begeisterte ein glänzend aufgelegtes Ensemble das Premierenpublikum und wurde dafür mit einem entsprechend langen Schlussapplaus belohnt.

Kleine Fotodiashow der Produktion von Ingo Hoehn:

fotodiashows.wordpress.com/2020/09/25/luzerner-theater-il-barbiere-di-siviglia-premiere-25-09-20-besucht-von-leonard-wust/

Text: : www.leonardwuest.ch Fotos: Ingo Hoehn     luzernertheater.ch

Homepages der andern Kolumnisten  www.herberthuber.ch
Autoren- und Journalisten-Siegel von European News Agency - Nachrichten- und Pressedienst