ANNE-SOPHIE MUTTER & MUTTER’S VIRTUOSI, KKL Luzern 5. 11. 2021, besucht von Léonard Wüst

Anne Sophie Mutter & Mutters’s Virtuosi

Besetzung und Programm:
Anne-Sophie Mutter – Violine & Leitung

Mutter‘s Virtuosi,  Solisten-Ensemble der Anne-Sophie Mutter Stiftung

Antonio Vivaldi Konzert für vier Violinen, Violoncello, Streicher &  Basso continuo h-Moll op. 3
Unsuk Chin Gran Cadenza (Schweizer Erstaufführung)
Wolfgang Amadeus Mozart Streichquintett Nr. 6 Es-Dur KV 614
Antonio Vivaldi «Die vier Jahreszeiten» — Konzerte für Violine, Streicher und Basso continuo Nr. 1– 4 aus «Il cimento dell’armonia e dell’inventione» op. 8
Konzert Nr. 1 E-Dur «La primavera»
Allegro; Largo e pianissimo sempre; Allegro
Konzert Nr. 2 g-Moll «L’estate»
Allegro non molto; Adagio — Presto; Presto
Konzert Nr. 3 F-Dur «L’autunno»
Allegro; Adagio; Allegro
Konzert Nr. 4 f-Moll «L’inverno»
Allegro non molto; Largo; Allegro

Anne Sophie Mutter, im Folgenden A.S.M., das einstige Wunderkind, von Herbert von Karajan entdeckt, ist inzwischen längst zur „Grande Dame“ der Geigenvirtuosinnen herangereift, die im zweiten Konzert der Migros Kulturprozent Classicskonzertreihe, zusammen mit ihrem Ensemble Mutter’s Virtuosi, zu begeistern wusste. Geboren im badischen Rheinfelden, begann sie ihre Karriere 1976, im Alter von dreizehn Jahren, bei den Internationalen Musikfestwochen Luzern, wie das Lucerne Festival damals hiess. Schon ein Jahr später trat sie in Salzburg mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung Herbert von Karajans auf.

Anne Sophie Mutters Herzensprojekt

Solistin und Leitung Anne Sophie Mutter

Anne-Sophie Mutter spielt nicht nur seit über vier Jahrzehnten auf allerhöchstem Niveau, sie fördert auch den Nachwuchs. Mit Mutter’s Virtuosi, ihren besten Stipendiaten, geht sie regelmässig auf Tournee. Und die dürfen in sämtlichen Spielarten des Konzertierens glänzen: solistisch, kammermusikalisch, orchestral. Eine Karriere, die ihresgleichen sucht: Anne-Sophie Mutter steht seit Jahren an der Spitze der kleinen, aber feinen Riege von echten Klassik-Stars, die auch außerhalb des Zirkels von Klassikbegeisterten Bekanntheit genießt. Und es ist neben allen musikalischen Meriten ihr Verdienst, dass sie ihren Ruhm nicht nur still und heimlich pflegt, sondern gerne für größere Zwecke einsetzt: Als Botschafter für „Save the Children“, als Auftraggeberin für zeitgenössische Komponisten oder als Förderin des musikalischen Nachwuchses mit ihrer eigenen Stiftung. Aus dem Kreis ihrer Stipendiaten und Ehemaligen hat sich auch das Ensemble „Mutter’s Virtuosi“ gebildet, mit dem sie in dieser Saison neben einer Auftragskomposition der südkoreanischen Komponistin Unsuk Chin Werke von Mozart und Vivaldi erarbeitet. Den Höhepunkt des Programms stellen natürlich die berühmten „Vier Jahreszeiten“ dar, deren virtuoser Solopart seit Jahren zu ihrem Kernrepertoire gehört.

Gelassen, mit einem Lächeln und Zuruf zum Techniker hinter der Seitentür der Konzertsaal-Bühne, reagiert der Weltstar,  als das Mikrofon nicht funktionierte, um das Publikum im vollbesetzten Konzertsaal zu begrüssen.

Im folgenden Konzert zeigte sich, dass die Stipendiaten (neun Männer, drei Frauen), die sie mit ihrer Stiftung fördert mit ihrer Förderin auf Augenhöhe, oder besser auf Geiegenbogenhöhe musizierten.

Antonio Vivaldi Konzert für vier Violinen, Violoncello, Streicher und Basso continuo h-Moll op. 3 Nr. 10 RV 580

Anne Sophie Mutter und Mutter’s Virtuosi

Zum Auftakt standen 9 Violinistinnen/Bratschistinnen nebst zwei Cellistinnen, A.S.M. und einem Cembalisten auf der Bühne und rasant startete man in das etwa zehnminütige akustische «Vivaldi – Amuse – Geule». Die vier solistischen Geigen standen der eigentlichen Solistin A.S.M. in nichts nach, ausser wenn sich  diese mitten in den verflixt komplizierten, schnellen  Läufen durch kraftvolle Effekte etwas abhob, immer getragen vom Tutti der «Mutter’s Virtuosi».

Frohes Erstaunen» wünschte die Meisterin zu Unsuk Chin Gran Cadenza (Schweizer Erstaufführung)

Anne-Sophie Mutter Violine

Das von ihr selbst in Auftrag gegebene Werk werde erst zum 13. Mal aufgeführt, zum ersten Mal überhaupt in der Schweiz, erklärte Anne Sophie Mutter zum nun folgenden Werk. Berührungsängste mit zeitgenössischer Musik zerstreute die Geigerin mit der Ankündigung, die zweite Geige werfe ihr angriffslustig den Fehdehandschuh hin, bevor beide Instrumente in choralartiger Schönheit zum «Superinstrument» verschmelzen. Für «frohes Erstaunen» sorgt das Werk, indem es den Wettkampf mit einer geigerischen Virtuosität entfacht. Zitat Maris Gothoni: Eröffnet wird das Stück von markanten und schroffen Gesten der zweiten Geige, denen – im völligen Kontrast – gleichsam improvisatorisch wirkende, ätherisch-ornamentale Figuren der ersten Geige zugesellt werden. Nach einer Weile ‚greift‘ unversehens die erste Geige die zweite an, und kommt es zu virtuosen musikalischen Gefechten und Schlagabtauschen verschiedener Art, wobei alle möglichen kadenzartigen Floskeln als Fragment aufblitzen. über ein jähes Crescendo kommt es anschließend zu einem kontrastierenden mittleren Abschnitt, einer längeren Passage absichtslosen Innehaltens, in der die beiden Geigen zu einem ‚Superinstrument’ verschmelzen. Die zweite Geige bietet eine Melodie dar, die von der ersten harmonisch durch Obertöne umspielt wird; allmählich verflüssigt sich das Tempo und spielen beide Geigen zwei verschiedene sich ergänzende melodische Linien. Das Finale reitet sich unaufhaltsam in verschiedenen Lagen auf und in immer virtuoseren Formen, bis es abrupt von Pizzicati unterbrochen wird und die gesamte Bewegung unvermittelt in den Stillstand kommt. Zitatene. Dies alles unterstützt vom Notenumblätterer, der für seine Einsätze wie ein Balljunge beim Tennismatch vom hinteren Bühnenrand nach vorne und zurück wieselte. Das Eindrücklichste war, wie das Werk den bis in höchste Lagen warm, gleichzeitig geheimnisvoll funkelnden Ton Anne-Sophie Mutters zur Geltung bringt  und wie Samuel Nebyu ihr auf dieser Klangexkursion folgte.

Grundinformation zur Komponistin

Mit sechzehn Jahren änderte sich Ye-Eun Chois Leben vom einen Tag auf den anderen: Nachdem  Ann Sophie Mutter eine Videoaufnahme der jungen koreanischen Geigerin gesehen hatte, lud sie sie nach München ein. Choi verließ ihre Heimat Seoul und blieb in München – bis heute. Anne-Sophie Mutter unterstützte sie dort, nahm sie mit in Konzerte und Kunst­museen und steht ihr auch heute noch mit Rat und Tat zu Seite, nicht zuletzt, weil Choi Stipendiatin ihrer eigenen Stiftung ist. So richtig wurde München aber erst zur (zweiten) Heimat Ye-Eun Chois, als sie beim Verbier Festival Ana Chumachenco kennenlernte, die sie als Schülerin an der Hochschule für Musik und Theater aufnahm. „Ana ist nicht nur eine Lehrerin für mich, sondern Familie“, sagt die Geigerin. „Als sie mir den Vorschlag gemacht hat, bei ihr zu studieren, habe ich mich wahnsinnig gefreut. Das war ein großer Moment in meinem Leben.“ Beide Frauen halfen Ye-Eun Choi, ihre Liebe zum Üben wiederzufinden und vom Druck, der auf ihr lastete, loszukommen.

Wolfgang Amadeus Mozart Streichquintett Nr. 6 Es-Dur KV 614

Anne Sophie Mutter und Mutter’s Virtuosi

Fast nicht zu glauben ist das folgende verbürgte: Als der Wiener Verleger Artaria dieses Quintett 1793, zwei Jahre nach Mozarts Tod, im Druck veröffentlichte, vermerkte er auf dem Titelblatt: “composto per un Amatore ongarese”, “komponiert für einen ungarischen Amateur”.

Das Streichquintett aus Mozarts letztem Lebensjahr beinhaltet heitere, aber auch melancholische Akzente.

Der erste Satz setzt burschikos, beinahe humoristisch ein. Bei einem Allegro di molto im Sechsachteltakt in der Tonart Es-Dur dachten Mozarts Zeitgenossen unweigerlich an Jagdmusik. Mit dieser Assoziation spielte Mozart zu Beginn, beim Einsatz der beiden Bratschen: Sie eröffnen den Satz mit einem schmetternden “Hornruf” in Sexten, dessen penetrant wiederholte Achtel mit kessen Trillern verziert werden. Die beiden Geigen antworten darauf mit einer elegant absteigenden Arabeske in Terzen. Das Frage-Antwort-Spiel wiederholt sich, bis die Geigen den Hornruf aufgreifen und in humorvoller Weise fortspinnen. Danach wandert das Trillermotiv durch die Stimmen, begleitet von einer Pendelbewegung aus nervösen Sechzehnteln, die sogar bis in die hohe Geigenlage aufsteigen. Erst das zweite Thema schlägt empfindsamere Töne an. Es wird von der ersten Geige ans Cello weitergereicht, bevor wieder die Triller und die Pendelbewegung die Oberhand gewinnen. Allmählich überschatten chromatische Zwischentöne und eigenwillige Molleintrübungen die anfangs so ostentative Heiterkeit. Melancholie drängt sich in den Vordergrund – in der Durchführung, Reprise und knappen Coda des Satzes.

Das Andante ist eine Romanze, eine Form, die sich von Paris ausgehend auch in der Wiener Musik der Epoche ihren festen Platz erobert hatte. Das bekannteste Beispiel bei Mozart ist der langsame Satz seiner “Kleinen Nachtmusik”. Ganz ähnlich wie dort handelt es sich auch beim Andante des Quintetts um einen schlichten Gesang im Alla-Breve-Takt und im Rhythmus einer langsamen Gavotte. Die leicht sentimental angehauchte Melodie, die mit zwei kontrastierenden Episoden abwechselt, wird Opernfreunden bekannt vorkommen. Mozart entlieh sie seinem Singspiel “Die Entführung aus dem Serail”, und zwar Belmontes Arie “Wenn der Freude Tränen fließen”. Solche Zitate aus seinen eigenen Vokalwerken häufen sich in seinen späten Werken. Man denke nur an das Rondo des letzten Klavierkonzerts mit seinem Liedzitat aus “Komm, lieber Mai, und mache” oder an das Andante des 1. Preußischen Quartetts, in dem Mozart sein Goethelied “Das Veilchen” zitierte. Diese melodischen Zitate verleihen den betreffenden Sätzen besondere Innigkeit, einen liedhaft intimen Ausdruck, wie er sich auch im Andante des Quintetts findet. Klanglich ist der Satz von besonderem Reiz, da die Romanzenmelodie bei ihren beiden Wiederholungen auf zarteste Weise variiert wird. Zunächst wird sie von einer Art Seufzer Motiv der zweiten Geige grundiert, dann mit Doppelschlägen der Bratsche kombiniert. Auch die beiden Episoden und die kurze Coda sind klanglich von höchster Delikatesse. Die Streicher müssen die unterschiedlichsten Nuancen von Legato und Staccato, kurze Vorschläge, Schleifer und andere Verzierungen mit spielerischer Leichtigkeit bewältigen.

Im Menuett hat Mozart seinem väterlichen Freund Joseph Haydn ein kleines Denkmal gesetzt. Es greift jenen Scherzando-Typ auf, den Haydn in seinen Streichquartetten Opus 33 kreiert hatte: mehr Scherzo denn vornehmes Menuett. Gegenstand des Scherzes ist hier eine simple fallende Tonleiter, die in immer neuen Varianten durch die Stimmen wandert, mit ihrer eigenen Umkehrung und diversen Kontrapunkten kombiniert wird – ein kleines Meisterstück Mozartscher Polyphonie. Das Trio strahlt die Genügsamkeit eines Ländlers aus, dessen Melodie sich im Takt wiegt wie die monotone Weise eines Leierkastens.

Auch im Thema des Allegro-Finales scheint Mozart Haydn geradewegs zitiert zu haben. Mit seinem quicklebendigen Tanzrhythmus, der Dissonanz im vierten Takt, der etwas grobschlächtigen Ausweichung nach Moll und den Anklängen an ungarische Volksmusik enthält es so viele Ingredienzien typisch Haydnscher Finalthemen, dass die Absicht spürbar wird: Mit diesem Satz wollte Mozart seinem nach London abgereisten Komponistenfreund einen Gruß nachsenden. Haydneske Muster bestimmen auch die Verarbeitung des Themas, etwa in den bordunartigen Klängen der Überleitung. Unverwechselbar mozartisch ist dagegen der dichte Kontrapunkt, der den Satz durchzieht, sowie die Melancholie der Molleintrübungen. Die Durchführung ist in dieser Hinsicht ein kleines Wunderwerk, das in abgrundtief traurigen Vorhaltsdissonanzen gipfelt. In der Coda werden Umkehrung und Originalgestalt des Themas auf höchst subtile Weise gegeneinander ausgespielt – ein grandioser Schlusspunkt unter Mozarts Kammermusik für Streicher. Dennoch steht dieses Meisterwerk Mozartscher Kunst bis heute unverdientermaßen im Schatten der viel berühmteren Streichquintette in g-Moll und C-Dur.

Die Musikerinnen agieren mit ungebremster musikantischer Energie. Bald nimmt man wahr, was wirklich spätstilhaft, neu und radikal ist am Quintett KV 614 – es ist die Schärfe und Knappheit, mit der Mozart sich nun ausdrückt, Knappheit ohne Bitternis. Die haydneske Derbheit, mit der Mozart seine Stilstrenge drapiert – besonders im fast parodierend polternden Scherzo – spielen die Virtuosi, ihrem Namen entsprechend mit einer energischen, fast frechen Straffheit aus. Man hörte die unerhört kurze, dichte Durchführung: Was für eine Hochspannung halten die Interpreten hier! Geisterhaft zieht das Trillerthema durch die Molltonarten, doch seine unerhörte Spannung hält die erste Geige aufrecht, als stände sie unter Starkstrom. Versierte Quintettler wissen, dass dieses Stück schwieriger zu gestalten ist als die früheren Mozarts, und nicht nur sie wussten diese zugleich musikantische und doch auch die Härten nicht glättende Vorstellung zu geniessen.

Das Publikum würdige diesen musikalischen Hochgenuss, bei dem sich A.S.M. dem Kollektiv unterordnete,  mit langanhaltendem, stürmischem Applaus und begab sich gutgelaunt in die Foyers für die folgende Pause.

Antonio Vivaldi «Die vier Jahreszeiten» Konzerte für Violine, Streicher und Basso

Anne Sophie Mutter im goldenen Aendkleid Foto Peter Fischli

Für den Schluss – und gleichzeitig Höhepunkt stellte sich die Solistin (sie spielt die Stradivari Lord Dunn-Raven aus dem Jahr 1710), jetzt in einem schulterfreien goldfarbenen Abendkleid an die Bühnenfront und glänzte mit ihrem virtuosen Solopart, der seit Jahren zu ihrem Kernrepertoire gehört. Dabei wurde sie kongenial unterstützt vom Gesamtensemble der «Virtuosi». Die Protagonisten zogen alle Register ihres Könnens, brillante Technik, perfektes Zusammenspiel und eine mitreißende Interpretation führten zu einem herausragenden Klangerlebnis,

Natürlich durften die Protagonisten stürmischen Applaus ernten, der schnell in eine stehende Ovation überging was schlussendlich zu einer Zugabe in Form von  »Nice to be around» aus dem Film «Cinderella Liberty», in einer für Cello und Violine bearbeiteten Fassung, führte.

Auch diese wurde mit einer «Standing Ovation» belohnt, sodass die Musikerinnen sich einer weiteren Zugabe fast nicht verweigern konnten und diese auch gewährten.

Als erste Zugabe gabs:

‚Nice To Be Around‘ aus dem Film Cinderella Liberty

www.youtube.com/watch?v=ie5v5PDYGjU

Text: www.leonardwuest.ch

Fotos: http://www.migros-kulturprozent-classics.ch/  

Homepages der andern Kolumnisten:   https://noemiefelber.ch/

www.gabrielabucher.ch  www.herberthuber.ch

www.maxthuerig.ch