Klassik & Inspiration» Arabella Steinbacher, Daniel Dodds & Festival Strings Lucerne, KKL Luzern, 20. Dezember 2021, besucht von Léonard Wüst

Arabella Steinbacher zelebriert Mozart im KKL-Konzertsaal Foto FSL

Besetzung und Programm:
Arabella Steinbacher – Violine
Daniel Dodds – Violine & Leitung
Festival Strings Lucerne

O. Respighi Antiche Danze ed arie per liuto. Suite Nr. 3 für Streichorchester
W. A. Mozart Violinkonzert Nr. 2 D-Dur KV 211
W. A. Mozart Adagio für Violine und Orchester E-Dur KV 261
W. A. Mozart Rondo für Violine und Orchester C-Dur KV 373
S. Prokofjew Symphonie classique D-Dur op. 25

Respighi Antiche Danze ed arie per liuto. Suite Nr. 3 für Streichorchester

Daniel Dodds, Leitung & Violine

„Alte Tänze und Weisen für Laute“) ist der Titel einer Reihe von Orchestersuiten. In dem neoklassizistischen Werk greift der Komponist auf Übertragungen von Lauten- und Gitarrentabulaturen des 16. und 17. Jahrhunderts zurück, die der italienische Musikwissenschaftler Oscar Chilesotti (1848–1916) editiert hatte, und arrangierte sie für modernes Instrumentarium. Ein relativ unspektakulärer Auftakt ins Konzert, kennt man Respighis Werke doch sonst eher etwas lebhafter, an mozartsche Virtuosität angelehnt, aber eine ideale Komposition, um «in die Gänge zu kommen».

A. Mozart Violinkonzert Nr. 2 D-Dur KV 211

Die Festival Strings Lucerne spielen sehr konzentriert

Dafür gesellten sich jetzt noch vier Bläser*innen dazu, 2 Hörner und  2 Oboen. Von Wolfgang Amadeus Mozart sind fünf Violinkonzerte überliefert, die als authentisch gelten (KV 207, KV 211, KV 216, KV 218, KV 219). Bei zwei anderen (KV 268 und KV 271i) ist unsicher, ob sie aus Mozarts Feder stammen. Das „kleine“ D-Dur-Violinkonzert Mozarts, , welches 1775 entstanden  ist, muss sich keineswegs hinter seinem „größeren Bruder“ (KV 218) verstecken. Es ist violintechnisch durchaus anspruchsvoll und ein musikalisches Meisterwerk ersten Ranges. Das Intro mit der typischen Tonabfolge ta ta tatata, das Leitmotiv, das in verschiedenen Registern immer wieder auftaucht und sich bis zum Schluss durchzieht, im Finale gar noch verstärkt wird, ist wohl den meisten Konzertgängern vertraut und entführt in die Salons des damaligen Bürgertums. Die Solovioline erhebt sich leicht, aber leuchtend über dem sie sanft tragenden Kang Teppich des Tutti Ensembles, dies ohne die damals übliche Effekthascherei «à la française». Beim Rondo als Finalsatz mit perfekten Formpropositionen, wird das Thema zwischen der Solistin und dem Orchester hin – und hergereicht, während es in variablem Tonfall und wechselndem Gestus variiert ausgespielt wird. Dass die Solistin sich auf Weltklasseniveau bewegt ist unbestritten, dass sie dies tun konnte, ist auch dem kongenialen mitspielen der sie begleitend unterstützenden Festival Strings zuzuschreiben.

A. Mozart Adagio für Violine und Orchester E-Dur KV 261

Arabella Steinbacher Solistin Violine

Dafür kamen anstelle der 2 Oboen nun 2 Querflöten dazu. Mozart komponierte drei Einzelsätze für Violine und Orchester (Adagio KV 261, Rondo KV 269, Rondo KV 373). Einem Brief von Vater Leopold Mozart ist zu entnehmen, dass Mozart diesen Satz für den Salzburger Geiger Antonio Brunetti 1776 nachgeliefert hatte, weil diesem der ursprüngliche Mittelsatz „zu studiert war». So  kommt er dann auch weniger akademisch, vielmehr schalkhaft und im lombardischen Rhythmus daher. Arabella Steinbacher und die sie begleitenden Strings behielten daher bei der Ausführung ein Augenzwinkern bei, intonierten luftig leicht, ohne den nötigen Ernst ausser Acht zu lassen. Die Solistin bestach bei den Solopassagen mit ihrer stupenden Technik, ohne im Geringsten je angestrengt zu wirken. Sensationell das extrem feinfühlige Tremolo gegen Ende des Stückes. Dementsprechend würdigte das Publikum die Protagonisten mit reichlich Applaus

A. Mozart Rondo für Violine und Orchester C-Dur KV 373

Arabella Steinbacher Foto Fabrice Umiglia

Orchesterbesetzung: 1. und 2. Violinen, Viola, Violoncello, Bass, 2 Oboen, 2 Hörner Dieses Stück schrieb Mozart für den italienischen Geiger Antonio Brunetti. In dem Rondo in C-Dur KV 373 trifft der Hofmusiker Mozart auf den freien Künstler – musikalisch gespiegelt an der Reibung des wohlgeordneten Orchesters mit den Ausbrüchen der Solo-Violine. Dieses Werk sollte das letzte in Mozarts «Violinkarriere» bleiben, widmete er sich doch fortan nur noch dem Klavier und der Bratsche. Auch hier überzeugten die Ausführenden mit perfekter Ausführung  und spürbar grossem Genuss am Zusammenspiel.

Stabübergabe ans Orchester mittels effektvoller Zugabe

Nach frenetischem Schlussapplaus gewährte  uns die deutsch-japanische Solistin als Zugabe noch Prokofjews Violin Sonata in D Major, Op. 115 als Einstimmung auf die darauffolgende Sinfonie des gleichen Komponisten, wie sie ausführte.

Prokofiev Symphonie classique D-Dur op. 25

Die Festival Strings Lucerne im Konzertsaal des KKL Luzern

Dieses Werk ist eine der amüsantesten Fälschungen der Musikgeschichte. Sergei Prokofjew hat die Musik Haydns bereits auf dem Konservatorium schätzen gelernt. 1916, lange bevor der Begriff „Neoklassizismus“ in aller Munde war, fasste er den Entschluss, eine Sinfonie nach der Art Haydns zu komponieren. Das Ergebnis ist tatsächlich eine Sinfonie, die fast wie Haydn klingt – aber eben nur fast. Überall baut Prokofjew kleine Fußangeln ein, plötzliche harmonische Wendungen, falsche Schlüsse, irreguläre Rhythmen. Immer wenn der Hörer sich auf sicherem Terrain fühlt, wird er auf liebenswürdige Weise aufs Glatteis geführt.
Mit „moderner Musik“ hat das Ganze nichts zu tun. Prokofjew gab dem Stück den Untertitel „Symphonie classique“ – „in der Absicht“, wie er sagte, „die Philister zu ärgern, und außerdem in der heimlichen Hoffnung, letzten Endes zu gewinnen, wenn sich die Sinfonie als wirklich ,klassisch’ erweisen sollte.“ Diese Hoffnung hat sich erfüllt: Die „Symphonie classique“ ist eines der beliebtesten Werke des 20. Jahrhunderts.

Die Symphonie Nr. 1 D-Dur, die Prokofjew im Sommer in einem Landhaus bei Petrograd beendete und die als «Symphonie classique» in die Musikgeschichte einging, die sie selbst zum Thema hat. Denn Prokofjew wandte sich, inmitten der Aufbruchstimmung seiner Umwelt, der Vergangenheit zu: «Wäre Haydn heute noch am Leben, dachte ich, hätte er sicher seine Art zu komponieren beibehalten und zusätzlich einiges Neue übernommen. In dieser Weise wollte auch ich meine Symphonie schreiben.»

Höfische Tänze faszinierten Prokofjew besonders stark, und so bildete eine Gavotte, die nun an dritter Stelle der Symphonie steht, den Ausgangspunkt für seine Reise in die musikalische Vergangenheit, auf die er aber instrumentationstechnische und rhythmische Finessen aus seiner Gegenwart mitnahm.

Auf diese Weise entstand ein feinsinnig ironisierendes Spiel mit klassischen musikalischen Elementen. Im zweiten Satz etwa werden die Tanzbewegungen eines Menuetts beinahe schon überdeutlich nachgezeichnet. In der Gavotte des dritten Satzes biegt die Melodie mitunter auf Abwege ab. Die Ecksätze wirbeln mit ihrer unbändigen Energie und ihren pfiffigen Melodien (Haydn hätte wohl seine Freude daran gehabt!) den Staub der Vergangenheit auf.

Das Finale war dann noch ein furioser Ritt der Strings durch die Partitur und es erstaunt immer wieder, wie perfekt das Ensemble aufeinander abgestimmt und wie genau das Zusammenspiel funktioniert, obschon es ja nicht ein eigentliches Dirigat gibt, da Daniel Dodds ja mitspielend sitzend, bloss mit Mimik, minimer Gestik mittels Kopf und Augenkontakt führt.

Das Auditorium würdigte diese fulminante Interpretation mit langanhaltendem, stürmischem Applaus, den auch die einzelnen Sektionen noch jeweils separat erhielten, wenn sie durch Daniel Dodds ermuntert wurden, sich für ebendiesen zu erheben. Einmal mehr ein eindrückliches Konzerterlebnis, das uns das im AHV Alter ( Gründungsjahr 1956) angekommene, trotzdem jugendlich gebliebene Ensemble vor praktisch ausverkauftem Haus,  geboten hat.

 

Text: www.leonardwuest.ch Fotos:  https://www.fsl.swiss/

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