Festkonzert mit Oliver Schnyder – in memoriam Alexander Schaichet, Tonhalle Zürich, 25.1.22, besucht von Léonard Wüst

Das ZKO im grossen Saal der Tonhalle Zürich

Besetzung und Programm:

Oliver Schnyder (Klavier)
Zürcher Kammerorchester
Willi Zimmermann (Violine & Leitung)

Willy Burkhard Toccata für Streichorchester op. 55
Johann Sebastian Bach Klavierkonzert Nr. 1 d-Moll BWV 1052
Dmitri Schostakowitsch Zwei Stücke für Streicher op. 11
Wolfgang Amadeus Mozart Klavierkonzert Nr. 26 D-Dur KV 537 «Krönungskonzert»

Martin Vollenwyder, Präsident Tonhallegesellschaft

Begrüsst wurde das zahlreich erschienene Publikum  von Martin Vollenwyder, Präsident des Verwaltungsrats der Tonhalle Gesellschaft AG mit einigen Informationen über den gebürtigen Ukrainer Alexander Schaichet, Gründer des ZKO, dem dieses Konzert gewidmet war und  von Kathrin Martelli, Präsidentin des Vereins ZKO mit Dankesworten für die Unterstützung des ZKO, die besonders in diesen schweren Zeiten äusserst wertvoll gewesen sei.

 

Willy Burkhard Toccata für Streichorchester op. 55

Kathrin Martelli Präsidentin des Vereins ZKO

 

 

 

Die Aufführung der Toccata für Streichorchester op. 55 schliesslich unterstreicht den
grossen Stellenwert, den Schaichet der Schweizer Musik seiner Gegenwart zuwies.
Ein bedeutsames Zeichen dafür ist, dass Willy Burkhard, einer der zentralen Kom-
ponisten der Schweiz des 20. Jahrhunderts, seine Toccata Alexander Schaichet und
dem Kammorchester Zürich widmete, die es 1939 auch zur Uraufführung brachten.

 

Zum Orchester an sich: Das „Kammerorchester Zürich“ (1920-1943) wurde von Alexander Schaichet gegründet , und später, zum von Edmond de Stoutz 1946 gegründeten „Zürcher Kammerorchester“.

Information von Herrn Louis de Stoutz, Sohn des Orchestergründers Edmond de Stoutz:

Zwischen 1943 und 1946 existierte kein Kammerorchester ähnlichen Namens in Zürich. Ende 1946 begann mein Vater mit einigen Studienkollegen in der Freizeit zu musizieren. Als von Freunden Interesse für Engagements aufkam gab sich dieses Ensemble zunächst den Namen „Hausorchester Vereinigung Zürich“. Für das erste Konzert im Ausland, am 21. Mai 1951 in Mailand, traten sie unter dem Namen „Orchestra da Camera di Zurigo“ auf und überlegten sich dann, den schrecklichen alten Namen durch „Zürcher Kammerorchester“ zu ersetzen. Bevor sie dies taten versicherte sich Edmond de Stoutz persönlich bei Herrn Schaichet, dass dieser nichts gegen den zwar unterschiedlichen, doch ähnlichen Namen hatte. Schaichet gab ihm sofort sein Einverständnis.

 

 

Alexander Schaichet 1962

Perfekter Einstieg in den Konzertabend mit den Sätzen Präludium, Aria und Finale aus dem Werk des Schweizer Komponisten. Die Musiker, alle, ausser den Cellist*innen stehend, interpretierten die Sätze beschwingt leicht und mit sichtlicher Spielfreude, den das Publikum mit langanhaltendem Applaus honorierte.

 

 

 

 

 

Johann Sebastian Bach Klavierkonzert Nr. 1 d-Moll BWV 1052

Festkonzert in memoriam Alexander Schaichet

Der Konzertflügel wird an den richtigen Platz gerollt, der Klavierhocker davor postiert und schon betritt der ganz in schwarz gekleidete Solist Oliver Schnyder die Bühne, empfangen von einem warmen Willkommensapplaus.

  • Ursprünglich als Cembalokonzert komponiert. Wenn das neue Instrument nicht einfach ein großes Cembalo mit 16-Fuß-Register gewesen war, könnte es sich um ein Lauten- oder Gambenclavier oder ein großes Pantalon in Flügelform gehandelt haben. Das Hammerklavier war bis in die 1740er Jahre noch nicht weit genug entwickelt, um Bachs Ansprüche zu befriedigen, und wurde auch 15 Jahre später allgemein nur als Solo- und Kammermusikinstrument angesehen. Das dreisätzige Werk ist wie folgt geschrieben:
  • Allegro ¢ d-Moll
  • Adagio 3/4 g-Moll
  • Allegro 3/4 d-Moll

 

Tonhalle Zürich grosser Konzertsaal

Den Kopfsatz verwendete Bach 1726 in der Kantate BWV 146 als Vorspiel, den zweiten Satz für den Eingangschor „Wir müssen durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen“, indem er vier Singstimmen in den Konzertsatz hineinkomponierte. Das tänzerische Finale diente ihm zwei Jahre später als Sinfonia zur Kantate BWV 188 „Ich habe meine Zuversicht“. Die reichen Verzierungen der Solostimme im Mittelsatz verdecken ein wenig die Tatsache, dass sie und die Linie der ersten Violine einander imitieren. Der Schweizer Starpianist vergrub sich in die sehr verschachtelte, fugenähnliche Partitur, interpretierte diese aber nie verbissen ernst, aber mit der nötigen Ernsthaftigkeit. Das Orchester, geleitet von Konzertmeister Willy Zimmermann bewegte sich jederzeit auf Augen – bzw. Notenhöhe mit dem Solisten und begleitete diesen kongenial.

 

 

Geballte Energie verbunden mit Werktreue

Tonhalle Zürich grosser Konzertsaal

Ein Ausbund an Energie wird hier inszeniert. Das d-Moll Klavierkonzert wird zum atemlos-düsteren Krimi, in dem einem das Manisch-Bohrende der Tonrepetitionen erstmals so richtig bewusst wird. Die vielbeschworene Partitur Treue und „Korrektheiten“ der historischen Aufführungspraxis werden zur selbstverständlichen Nebensache – angesichts solcher Spielfreude, die auch rabiate Zugriffe nicht scheut.

Für das wunderschön gespielte Bachstück ernteten die Musiker langanhaltenden Beifall Bevor man sich in die Foyers in die Pause begab.

Dmitri Schostakowitsch Zwei Stücke für Streicher op. 11

Tonhalle Zürich grosser Konzertsaal

Während das erste Stück, das «Präludium» noch grosse Bezüge zu Bach aufweist, weist das anschliessende «Scherzo» schon auf Schostakowitschs, damals noch Student, kommende wilde Art, später in die berühmte Doppelbödigkeit führenden Weg hin. Im vergleich zu späteren Werken nicht düster, geheimnisvoll, sondern schon fast locker heiter, so auch interpretiert vom hervorragenden Orchester und belohnt mit entsprechendem Applaus.

 

 

 

 

 

 

Wolfgang Amadeus Mozart Klavierkonzert Nr. 26 D-Dur KV 537

Oliver Schnyder Solist am Piano Foto Marco Borggreve

Das 26. Klavierkonzert trägt den allgemein verwendeten Beinamen Krönungskonzert, da es zur Kaiserkrönung Leopolds II. 1790 in Frankfurt entstand. Dort wurde es am 15. Oktober zusammen mit dem 19. Klavierkonzert KV 459 in einem Festkonzert gespielt.

Das Intro des Orchesters, inzwischen durch Bläser und Schlagwerk erweitert, mit der Streuung des Themas dauert über zweieinhalb Minuten, bevor der Solist am Piano zum ersten Mal in die Tasten greifen kann.

Der Kopfsatz beginnt eher verhalten in piano, bevor feierliche Trompetenklänge das Orchestertutti einläuten. Ein zweites ebenfalls zunächst piano vorgetragenes Thema wirkt verschmitzt und zieht einen längeren Nachsatz mit sich, welcher jedoch kaum als eigenständiges drittes Thema zu bewerten ist. Die folgende Soloexposition beginnt mit dem solo vorgetragenen ersten Thema und erweitert anschließend das zweite Thema erheblich. Die folgende Durchführung geht zunächst motivisch vor, endet jedoch nahezu improvisatorisch. Die musikalische Gestaltung ist nicht von gewohnter Qualität, sondern beschränkt sich oftmals auf Tonleiterläufe. Einzig der Beginn der Durchführung besteht durch eine Wendung nach Moll aus dramatischen Elementen. Die Reprise verläuft im Wesentlichen regelgerecht und führt relativ unvermittelt zur Solokadenz. Der Satz endet anschließend mit einem ungewöhnlich kurzen Schlussritornell mit einigen festlichen Akkorden.

Tonhalle Zürich grosser Konzertsaal

Im Finalsatz in Form eines, von Mozart oft verwendeten grossen Rondos, stellt das Soloklavier ein einfaches, vergnügtes Thema vor, welches vom Orchester mit Paukenakzentuierungen aufgenommen wird. Das erste Couplet wendet sich kurzzeitig nach a-Moll und besteht vor allem aus Tonleiterläufen des Solisten. Anstelle eines zweiten Couplets fügt Mozart eine kleine Durchführung ein, wie er das bereits in einigen Konzerten getan hatte, und verquickt somit Rondo Form und Sonatensatzform. Diese Durchführung verwendet hauptsächlich das Komplementärthema und moduliert von h-Moll über B-Dur nach G-Dur. Es folgt die Wiederholung des ersten Couplets, welche mittels eines Eingangs des Soloklaviers zur Wiederkehr des Refrain Themas überleitet. Eine feierliche Coda beendet das Rondo.

Tonhalle Zürich grosser Konzertsaal

Schnyder moduliert nuancenreich setzt perlende Läufe, abgestreift die Bach`sche Ernsthaftigkeit des ersten Konzertteils, gewichen Mozart `scher Unbekümmertheit und Lebensfreude. Pure Spiellust erzeugt diese optimistische Komposition bei den Protagonisten, die sich perfekt ergänzen, der quirlige Tastenvirtuose, unterstützt vom Orchester, lässt seiner Spielfreude freien Lauf, setzt markante akustische Duftnoten und glänzt ebenso mit seiner ausgereiften Technik wie mit seinem ausgeprägten Einfühlungsvermögen.

Das Auditorium verdankte diesen Hörgenuss mit stürmischem, langanhaltendem Applaus und liess nicht locker, bis Schnyder noch eine kurze Zugabe gewährte. Ein Konzert, das dem Widmungsempfänger Alexander Schaichet sicher ebenso viel Freude bereitet hätte wie dem zufriedenen Auditorium im prachtvollen  grossen Tonhalle Saal.

Text: www.leonardwuest.ch

Fotos:    www.zko.ch

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