Luzerner Theater, Zur schönen Aussicht Ödön von Horváth, besucht von Max Thürig

Zur schoenen Aussicht_Luzerner Theater_Sven Gey_Thomas Douglas_Carina Thurner_Ruediger Hauffe_Martin Carnevali_Foto Ingo HoehnEine Produktion der Compagnie Affenherz

Produktionsteam
Martin Schulze
Bühne und Kostüme: Ulrich Leitner

Komposition und Musik: Dirk Raulf
Licht: Marc Hostettler
Dramaturgie: Dominik Busch
Besetzung
Carina Thurner (Christine)
Tini Prüfert (Ada)
Rüdiger Hauffe (Karl)
Martin Carnevali (Strasser)
Christian Baus (Müller)
Thomas Douglas (Emmanuel)
Sven Gey (Max)

Wer möchte das nicht? Eine schöne Aussicht ist inspirierend, motivierend, beruhigend, fordernd oder auch einfach «nur schön»! Der Ausspruch: «Schöne Aussichten» kann aber auch negativ beladen sein, fällt er doch manchmal auch zusammen mit einer ungewissen Zukunftsvorstellung, mit Angst auf das Kommende…

Zur schoenen Aussicht_Luzerner Theater_Martin Carnevali_Carina Thurner_Foto Ingo Hoehn

Ich verspürte natürlich keine Angst, als ich mich nach stürmischem Wetter und einsetzendem Regen in die Theater Box begab, sondern war gespannt was mich hier erwarten würde. Für mich war die Nähe zu den Protagonisten anfänglich gewöhnungsbedürftig, fehlte mir doch die Übersicht über das schlichte Bühnenbild, welches mich mit diesen verschiebbaren Pflanzen an eine Dschungelkulisse erinnerte. Dschungel? Kann man sich dort nicht auch gut verirren, lauern dort nicht Gefahren, die unsere Existenz bedrohen?
Oder ist unser Leben manchmal auch mit einem dichten Dschungel vergleichbar, in dem wir Menschen unsere Position suchen, um unser Überleben kämpfen und wieder versuchen herauszukommen? Eine kleine Vorahnung auf Horvats Komödie?

Gescheiterte Individuen

Zur schoenen Aussicht_Luzerner Theater_Sven Gey_Foto Ingo Hoehn

Im heruntergekommenen Hotel «Zur schönen Aussicht) bilden Strasser (Martin Carnevali), früher Schauspieler und Offizier, heute Hoteldirektor; Max (Sven Gey) einst Kunstmaler, nun im Dienst als Kellner und Karl (Rüdiger Hauffe), ein ehemaliger Plantagenbesitzer, der es nun als Chauffeur versucht, eine Schicksalsgemeinschaft. Durch die zum Teil dubiose Vergangenheit und ihre gescheiterten Lebensentwürfe versuchen sie nun zu retten, was noch zu retten ist. Einziger Hotelgast ist die Baronin Ada von Stetten (Tini Prüfert). Sie führt sich auf wie eine Domina und züchtig und benutzt die drei ganz nach ihren Wünschen und Vorstellungen.

Als dieser vermeintliche «Burgfrieden» durch die ankommenden Besucher Müller (Christian Baus), ein Getränkevertreter und Baron Emanuel von Stetten,(Thomas Douglas) Ada’s Bruder, gestört wird, beginnen sich die Abgründe menschlichen Denkens und Handelns zu öffnen. Jeder ist sich nun selbst der Nächste und versucht aus allem Möglichen und Unmöglichen Profit zu schlagen. In ihrer Aussichtslosigkeit und eigenen Gefangenschaft versuchen sie nicht ihr Leben schön zu reden, sondern es schön zu trinken – ein fatales Unterfangen, das letztlich Ansporn für weitere seelische Grausamkeiten ist…

Christine… und jetzt?

Zur schoenen Aussicht_Luzerner Theater_Martin Carnevali_Tini Pruefert_Foto Ingo Hoehn

So langsam fühle ich mich in den anfänglich skizzierten undurchsichtigen Dschungel versetzt; erst recht als Christine (Carina Thurner) als Strassers Ex-Geliebte auf die Bühne tritt und ihm eröffnet, dass das Zusammensein vor einem Jahr nicht folgenlos geblieben ist…
Um sich einer Vaterschaft zu entziehen, ist ihm jedes Mittel recht, jede Lüge gefällig, jedes Be- und Ausnützen anderer Menschen willkommen. Reichlich fliessender Alkohol beflügelt die Gedanken der Runde. Mir erscheinen sie bei der Ausheckung ihres perfiden Planes mit dem sie Christines Leben zerstören wollen, wie pickende Hühner, die nur durch das Unterbrechen des Gockels kurz aufschauen um dann gleich wieder in den Intrigenmodus zurück zu fallen!

Realitätsfremd?

Zur-schoenen-Aussicht-Szenenfoto-von Ingo-Hoehn-

Um der eigenen Gefangenschaft zu entrinnen und so vielleicht ein besseres Leben zu gewinnen, ist allen jedes Mittel recht! Dies wird mir in der Schlussszene deutlichst vor Augen geführt und ich beginne meinen «Dschungelfokus» zu lockern. Parallelen zu unserem Leben machen sich auf. Was Horvat da vor rund 100 Jahren geschrieben hat, braucht den Bezug zur heutigen Zeit nicht zu scheuen. Vereinsamung, fehlende soziale Einbindung, Egoismus, Neid und Eifersucht sind auch heute noch Triebfedern menschlicher Verirrungen!

 

Beeindruckt durch die schauspielerische Leistung unter der Regie von Martin Schulze mache ich mich etwas nachdenklich auf den Heimweg und freue mich auf schönere (Lebens-) Aussichten.

Kleine Fotodiashow der Produktion von Ingo Hoehn Luzerner Theater:

fotodiashows.wordpress.com/2022/02/10/zur-schonen-aussicht-szenenfoto-von-ingo-hoehn/

Text: Max Thürig   https://maxthuerig.ch/           https://www.wildwaldwalk.ch/

Fotos: www.luzernertheater.ch  Ingo Hoehn

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