Festival Strings Lucerne «Lust & Fantasie», KKL Luzern, 15.3.2022, besucht von Léonard Wüst

Rudolf Buchbinder spielte Haydn Mozart und Schumann im KKL Luzern

Besetzung und Programm:
Rudolf Buchbinder – Klavier & Leitung
Festival Strings Lucerne

J. HAYDN
Klavierkonzert Nr. 11 D-Dur Hob XVIII:11

W. A. MOZART
Klavierkonzert Nr. 21 C-Dur KV 467

R. SCHUMANN
Klavierkonzert a-Moll op. 54

Rudolf Buchbinder, vor allem als der grosse Beethoveninterpret bekannt, für einmal mit Klavierkonzerten von grad drei anderen Komponisten, eine überaus reizvolle Konstellation.

1. Haydn Klavierkonzert Nr. 11 D-Dur Hob XVIII:11

Für das erste der programmierten Werke machten sich die «Strings» in schlanker Besetzung auf der Bühne bereit, also nur Streicher, keine Bläser. Im Unterschied zu Mozart war Haydn kein Klaviervirtuose. Zwar leitete er seine Orchesterwerke vom Cembalo aus und trug auch seine Klaviersonaten vor, doch der Ehrgeiz des konzertierenden Pianisten lag ihm fern. So sind uns von Haydn „nur“ drei Klavierkonzerte erhalten. Das Konzert für Klavier und Orchester in D-Dur Hob. XVIII:11 ist aufgrund seiner eingängigen, frischen Melodik, seiner harmonischen Feinheiten sowie seiner klaren Architektur in der klassischen Konzertform sein meistgespieltes Klavierkonzert. Trotz des hohen Bekanntheitsgrades sind weder Entstehungsjahr noch -anlass bekannt.

Joseph Haydn gilt als Vater der europäischen Klassik

Das Logo derFestival Strings Lucerne

Ein geheimnisvoller Hauch umweht den »Vater der europäischen Klassik«: Joseph Haydns Lebensumstände und seine Persönlichkeit sind nur lückenhaft überliefert. Seinem offenbar weitgehend skandalfreien Leben steht eine unglaubliche Schaffensdichte gegenüber, die von einem ganz dem musikalischen Wirken gewidmeten Leben zeugt. In seinen Werken kommt eine vollendete Formensprache zum Ausdruck, die durch tiefes, aber kontrolliertes Gefühl geleitet ist und dadurch zu einer als rein empfundenen Schönheit findet. Weltweit berühmt sind viele seiner mehr als einhundert Symphonien, seine Streichquartette und geistlichen Werke – sowie seine vielgepriesene musikalische Gewitztheit.

Sein Klavierkonzert D-Dur, das als sein elftes gezählt wird, entstand 1782 und ist das einzige dieser Gattung, das bis heute immer wieder aufgeführt wird. Drei Sätze umfasst das gut 20 Minuten lange Werk. Der Beginn ist mit einem Vivace beinahe ausgelassen-heiter gestimmt, allerdings mischen sich in die Thema-Bearbeitungen und -Wiederholungen auch angedunkelte Moll-Abschnitte. Von Parodie kann in diesem Konzert keine Rede sein, vielmehr gelingt es Buchbinder, eine Heiterkeit (ohne zweite Ebene) zu erzeugen, indem er für manche spielerischen Ornamente sorgt. Im Mittelteil »Un poco Adagio« findet er zu einer beinahe romantischen Klangwelt. Und das abschließende »Rondo all’Ungarese« arbeitet mit Zitaten – wie der Name schon sagt – aus der ungarischen Musikschatztruhe. Diese Herkunft ist unüberhörbar. Allerdings handelt es sich auch hier keinesfalls um Parodien, sondern eher um eine wertschätzende Überführung aus dem ost- in den mitteleuropäischen Kulturraum. Wenn uns das erheitert, schmunzeln wir nicht über, sondern mit der Musik. In bester Stimmung, zügig und mit grosser Spielfreude intonierten Buchbinder und die FSL Haydns Komposition, sehr zur Freude des gutgelaunten Publikums im sehr gut besetzten Konzertsaal und durften dafür auch einen langanhaltenden Applaus ernten.

2. A. MozartKlavierkonzert Nr. 21 C-Dur KV 467

Für Mozart gesellte sich jetzt auch die Bläsersektion zu den Streichern und die wurden denn auch reichlich beschäftigt. Mozart locker vom Hocker. Was bei anderen Pianist*innen manchmal eher nach Arbeit aussieht, wirkt bei Rudolf Buchbinder immer elegant, irgendwie spitzbübisch spielerisch entspannt.

Wie schon das Klavierkonzert Nr. 20, gehört das Klavierkonzert Nr. 21 zu den sogenannten sinfonischen Konzerten, denn der orchestrale Part ist hier von großer Bedeutung. Das Klavierkonzert in C-Dur schuf Mozart in nur 4 Wochen nach der Vollendung des d-Moll Konzertes. Eine Probe musste genügen, um das neue Werk am 10. März 1785 – mit Mozart als Solisten – zur ersten Aufführung zu bringen.

Die Proportion von Soloinstrument und Orchester wird zugunsten des Letzteren verändert. Das Orchester bekommt durch längere Zwischenspiele mehr musikalisches Gewicht. Das Hauptthema liegt beim Orchester und nicht beim Soloinstrument. Auch die Orchesterbesetzung ist größer.
Insgesamt ist es ein heiteres Werk, in dem mit relativ einfacher Melodik eine differenzierte Komplexität entwickelt wird. Das Soloinstrument scheint sich immer wieder unabhängig machen zu wollen und wird dann in das Gesamtgeschehen integriert. Der erste Satz trägt die Überschrift „Allegro maestoso“ – und erfüllt die damit verbundenen Erwartungen auf ganzer Linie. Das prächtige Hauptthema wird zuerst vom Orchester in unterschiedlicher Form – kammermusikalisch, orchestral und kontrapunktisch – wiederholt, bis es dann vom Klavier aufgenommen wird. Die unterschiedlichen Motive innerhalb des Klavierkonzerts sind miteinander im Einklang: wie er auch seinen Opern eine perfekte Dramaturgie unterlegt hat, so hat es Mozart auch hier wieder verstanden, alles zu einem homogenen Ganzen zusammenzuführen. Im dritten Satz findet man dafür ein besonderes Beispiel: Hier verbindet Mozart das Thema des Rondos über ein zweites neues Thema mit dem Thema des Sonatenhauptsatzes. Das Klavier kann sich ganz der Spielfreude hingeben und doch entsteht eine Gleichstimmigkeit des Soloinstrumentes mit dem Orchester.

Buchbinder moduliert die Kanten und Brüche

Rudolf Buchbinder – Klavier & Leitung

Die Qualität dieses Mozartspiels liegt allerdings ohnehin nicht in der Duftigkeit mühelos hin geperlter Sechzehntel Schleppen. Buchbinder sucht nach Kanten und Brüchen in dieser virtuos parlierenden Partitur. Manchmal – etwa im choralhaften Abgesang des Finale-Seitengedankens – opfert er die oft so konfliktlos dargebotene Schönheit einer etwas heiklen, eigenwilligen Phrasierung. Der Mittelsatz, oft missbraucht, fließt bei ihm aber in bewunderungswürdig schlichtem, ungekünsteltem Gesang. Im Zusammenspiel mit dem Orchester waren besonders die superben Dialoge der Fagotte mit dem Solisten herausragend.

Das Auditorium war begeistert ob so viel Rasse und Klasse und beschenkte die Darbietenden mit einer wahren Applauskaskade, bevor man sich hochzufrieden in die Foyers zur Pause begab, wo jetzt auch wieder, «Corona fast vorbei sei Dank», Pausengetränke gereicht wurden .

2. Konzertteil R. Schumann Klavierkonzert a-Moll op. 54

Da scheint sich, beim Intro, auch Consuelo Velázquez die Komponistin von «Besame mucho» bedient zu haben. Dann, ganz zu Beginn unvermittelt eine Kaskade von Akkorden, die nur hier in dieser Form erscheint, es folgt eine unvergessliche Melodie, die gleich vorherrschend wird und aus der sich fast alles Folgende entwickeln wird: Der Beginn von Schumanns einzigem Klavierkonzert ist spektakulär. Darf man vielleicht die feurigen Akkorde zu Anfang dem lebhaften Florestan in Schumann zuordnen, das beherrschende Hauptthema aber Clara? Oder kann man den langsamen Teil (andante espressivo) des Kopfsatzes als Liebesduett deuten? Wird der unstete Florestan endlich von der sanften Clara sozusagen gezähmt? Vielleicht, vielleicht auch nicht, reizvoll sind solche Spekulationen allemal. Die Entstehung dieses erzromantischen Konzerts ist jedenfalls einigermaßen unromantisch verlaufen, es wurde keineswegs in einer einzigen kurzen, intensiven und inspirierten Arbeitsphase geschaffen. Begonnen wurde es 1841 etwa ein halbes Jahr nach der Hochzeit der Schumanns und zwar als einsätzige Fantasie mit jenem eigenen langsamen Mittelteil, dem „Liebesduett“, und einem eigenen Finale. In dieser Form konnte das Stück weder aufgeführt noch verlegt werden, der Markt verlangte unerbittlich dreisätzige Konzerte. 1845 fügte Schumann nahtlos zwei weitere Sätze an: das traumhaft schöne Intermezzo und das ohne Pause folgende optimistische, vorwärtsdrängende Finale (allegro vivace). Insgesamt war das Werk jetzt etwa doppelt so lang geworden. Die Uraufführung war im Dezember 1845 in Leipzig, natürlich mit Clara am Flügel.

Keine Komposition für eitle Egomanen

Das Konzert ist von Schumann sehr bewusst nicht für mehr oder weniger eitle Virtuosen geschrieben worden und Liszt z.B. hat es anfangs deswegen auch nicht spielen wollen. Vielleicht noch mehr als Beethovens Violinkonzert, dem es in diesem Punkte ähnelt, setzt dieses Klavierkonzert auf den Dialog zwischen dem Solisten und dem Orchester. Beide Seiten müssen sehr aufmerksam und flexibel sein. Zeitweise vertauschen sich die Rollen, wenn das Klavier das Orchester begleitet. Anderswo wird es richtiggehend kammermusikalisch, wenn das Klavier mit einzelnen Instrumenten aus dem Orchester Zwiegespräche hält. Die Zeitgenossen nahmen sehr wohl wahr, dass Schumann neue Wege ging, auch wenn sein Konzert wiederum in einer Tradition steht und er Anregungen von Beethoven (3.Klavierkonzert), Mendelssohn, Schubert und Bach bezog.

Auch im Zusammenhang mit diesem Konzert sind Schumann Schwächen bei der Orchestrierung vorgeworfen worden. Ganz unberechtigt sind sie nicht, viel Erfahrung hatte er nicht, als er mit der ursprünglichen Fantasie begann. Vielleicht macht es sogar den besonderen Charme dieses Meisterwerks aus, dass es eben nicht ganz perfekt ist, sondern ein wenig grün und jugendlich geblieben ist. Und im Ganzen jugendlich frisch sollte es meiner Meinung nach gespielt werden und eben nicht schmalzig-schmachtend bis hin zur völligen Gedankenverlorenheit und Lethargie. Bruno Walter („Von der Musik und vom Musizieren“) hat z.B. auf eine unselige Aufführungstradition hingewiesen, die bis zum heutigen Tage nicht ausgerottet ist: Nach den fallenden Akkorden ganz zu Anfang wird das Tempo für das „Clara-Thema“ gewöhnlich sofort gedrosselt, obwohl das in der Partitur überhaupt nicht so notiert ist. Erst sehr viel später wird das Thema langsamer verlangt, ein Kontrast geht also dann entweder verloren oder es muss wiederum noch langsamer, noch schmachtender gespielt werden … Ein wenig Schmachten, ein wenig Sehnsucht muss sein, aber nicht im Übermaß. Auch unbändige Lebenslust und Drama haben hier ihren Platz, und wie sich zeigt, sind diese verschiedenen Elemente in diesem Konzert nicht einfach im Gleichgewicht zu halten. Der Solist bewegte sich mit schlafwandlerischer Sicherheit und Grandezza durch die Partitur.

Nie zu viel Schmelz oder gar Wiener Schmäh

So macht er in seiner unprätentiösen Art trotz allen romantischen Schwungs und Überschwangs nie eine überkandidelte Diva aus dem Stück (was man sonst leider verhältnismäßig oft erleben kann). Der gebürtige Wiener gehört nicht zu den Interpreten, für die ‚Romantik‘ eine Art permanente Ekstase bedeutet. Zwar werden die unterschiedlichen Affektlagen von ihm mit aller Deutlichkeit aufgezeigt (auch ihre Brüche und plötzlichen Wechsel). Er begeht allerdings nie den Fehler, es zu ‚überschminken‘ und dadurch Gefahr zu laufen, Schumann in seinem Gefühlsüberschwang der Lächerlichkeit preiszugeben. Insgesamt ist das eine sehr starke, sehr emotionale Interpretation, aber vollständig frei von ‚künstlicher Aufregung‘ und gerade deshalb in ihrer Empfindsamkeit glaubwürdig. Das hat überhaupt nichts ‚Ranschmeißerisches‘ an sich, übertrieben Heroisches oder gar Martialisches, wie man das öfter hören kann. Gleichzeitig wirkt die Interpretation trotz aller Brüche im Stück sehr organisch. Es gibt also nicht lediglich einen Wechsel von Affekten, sondern einen durchdachten Aufbau, der am Ende klar macht, dass es sich trotz aller Überraschungen im Stück um ein ‚Großes Ganzes‘ handelt.

Perfekte Tempovariierung durch den Pianisten

Buchbinder weiß immer sehr genau, wo man bremsen und wo er ein bisschen Gas geben muss, um das Ganze zum Strömen zu bringen. So passiert es ihm beispielsweise nie, dass er erst mit großer Agogik Spannung aufbaut, um dann im entscheidenden Moment durch eine unbedachte Verzögerung (oder – je nachdem – eine fehlende Verzögerung) die ganze Dramatik sinnlos verpuffen zu lassen. Der Solist ist vollkommen frei von dieser ‚Verlegenheits-Agogik‘, die man manchmal bei Pianisten beobachten kann, die sich über die Konstruktion eines Stückes nicht übermäßig intensiv den Kopf zerbrochen haben, aber ‚gefühlsmäßig‘ etwas unternehmen wollen – und es dann ausgerechnet an den ‚falschen‘ Stellen tun, und der ganze Aufbau dann kollabiert. Diese perfekte Umsetzung gelingt natürlich auch dank der Unterstützung des ausgezeichneten Orchesters, welches auf Augen- respektive Ohrenhöhe mit dem österreichischen Altmeister agiert. Besonders auffallend auch der Dialog der Oboen mit dem Piano.

Der stürmische Schlussapplaus ging nahtlos in eine stehende Ovation über, sichtlich genossen von den Protagonisten auf der Bühne.

Eine Zugabe gewährte uns der Tastenzauberer aber nicht, irgendwie verständlich, ist doch so ein Marathon sowohl mental, aber auch körperlich äusserst anspruchsvoll, vor allem auch, wenn man Buchbinders 76 Lebensjahre noch mit berücksichtigt.

Es sind solche Konzertperlen, die den Schmerz aller Klavierliebhaber über den Verlust des seit drei Jahren aus dem Programm gestrichenen Lucerne Festival am Piano, etwas mindern. P.P. Buchbinder negierte mit dieser grandiosen Demonstration, der «ewige Beethoveninterpret» zu sein.

Text: www.leonardwuest.ch Fotos: Fabrice Umiglia   https://www.fsl.swiss/

Homepages der andern Kolumnisten:   www.noemiefelber.ch

www.gabrielabucher.ch  www.herberthuber.ch

www.maxthuerig.ch

Rudolf Buchbinder und die Festival Strings Lucerne geniessen den verdienten Schlussapplaus